Kultur

Zwei Seelen im selben Körper

Edgar Rais neuer Roman „Etwas bleibt immer“ handelt von einem großen Geheimnis und liest sich aufwühlend gut

Edgar Rai hat ein nächstes Buch geschrieben. Der Wahlberliner ist erfolgreicher Autor und Übersetzer, vor allem der luftig-leichte Roman „Nächsten Sommer“ (2010) hat ihn bekannt gemacht. Nun ist ein nächster Sommer, nun hat er einen nächsten Roman geschrieben. Einen, der auch im Sommer spielt, an der Côte d’Azur. Zuletzt erschien „Die Gottespartitur“ (2014), Rai hat damit einen neuen Ton angeschlagen: einen rätselhaften, spannenden, unwohlen. Einen, der schaudern lässt, weil er nicht leicht einzuordnen ist. Einen, der ihm steht. Und auch in seinem aktuellen Roman „Etwas bleibt immer“, der am Montag erscheint, ist dieser Ton geblieben. Denn Nicolas, der Protagonist, hat eine dissoziative Persönlichkeitsstörung, die einem schon nach wenigen Seiten vor den Latz geknallt wird. Die Geschichte erhält also von vornherein einen ungewohnten und zugleich reizvollen Touch. Es will weitergelesen werden.

Irritierende Du-Perspektive, die tiefen Sinn macht

Mit zwölf Jahren hat das alles angefangen, nun ist er 27. Doch Nicolas, auch Nino genannt, wirkt älter. So, als hätte er schon viel mitgemacht, zu viel. Als hätte er schon ein ganzes Leben gelebt oder besser zwei. Denn er ist ja nicht allein. Es gibt Lola und „Lola war draußen“ wird zum prägnanten Satz in der Geschichte. Weil die Therapieversuche erfolglos blieben, hat sich Nino für ein Leben ohne Psychopharmaka und mit Lola statt mit einer unterdrückten Lola entschieden. Er hat die Einsamkeit gewählt, in einem Feriendomizil, wo er den Housesitter spielt. Hier wagt er ein neues Leben, weil Lola sich gar nicht so oft blicken lässt. Und falls doch, ist er meist mit ihr allein.

Keiner kennt sein Geheimnis, und außer ihm und der Gärtnerin Agueda gibt es dort nicht viel. „Das Ziel war, normal zu funktionieren.“ Eigentlich klappt das auch. Bis sich das Ehepaar Breuer, die Hausbesitzer, zu ihrem jährlichen Urlaub ankündigen und Besuch mitbringen: das Ehepaar Wolff. Schnell wird klar, dass das nach hinten losgeht. Dass Herr Wolff wieder verschwinden muss, denn er ist kaum auszuhalten. Ein Widerling, wie er im Buche steht. Auch die anderen Figuren machen einen eher unsympathischen und vor allem verlorenen Eindruck. Herr Breuer führt ein unliebsames Leben und kämpft halbherzig um das Fortbestehen seines Unternehmens, das in Wolffs Händen liegt. Frau Breuer ist maßlos von ihrem Leben gelangweilt, und Frau Wolff hat kein eigenes.

Dann sind da noch die aufdringliche Nachbarstochter Trinity, Madame Tsujis, die dominante Köchin und Sephora, das zurückhaltende Zimmermädchen, das schnell in Herrn Wolffs lüsternes Visier gerät. Und Silencio, ein Hund, der nie bellt und nie von Ninos Seite weicht.

Rai hat eine interessante Mischung an Charakteren zusammengeschrieben, sie in das schöne Szenario der Mittelmeerküste gesteckt und lässt sie bei aufgefülltem Pool ins offene Messer laufen. Niemand ist so recht einzuschätzen, jedem wäre etwas zuzutrauen. Vor allem Lola. Denn irgendetwas wühlt sie an den Gästen derart auf, dass sie regelmäßig ihr Unwesen treibt. Nino gerät dadurch ganz schön in die Bredouille. Einzig Agueda vertraut er sich an, auch wenn eine Liebesgeschichte zwischen ihnen nur angedeutet ist. Etwas muss sich also verändern. Oder etwas hat sich längst verändert, denn: „Du hast keine Ahnung, wo Lola dich hineinzieht oder was sie vorhat. Aber es sieht nicht so aus, als würdest du da noch einmal herauskommen.“

Das trotzige Kind im Körper eines Mannes

Die ungewöhnliche Du-Perspektive irritiert zunächst, macht den Roman aber noch eindrucksvoller. Der Leser wird zu Nino, somit auch zu Lola und weiß deshalb manchmal nicht, an wessen Gedankengängen er teilnimmt. Ein ebenso beängstigendes Gefühl macht sich breit. Und ein Satz schleicht sich immer wieder in den Verlauf der Geschichte ein: „Wer je behauptet, unmögliche Dinge könne man nicht glauben, tut das aus Mangel an Erfahrung.“ (Ron Segal, „Jeder Tag wie heute“) Unmöglich erscheint es allemal, wie der Protagonist sein Leben lebt, dieses „zwei Seelen im selben Körper“-Dasein. Denn wenn Lola „draußen“ ist, bedeutet das nur Ärger: Vom Kaputtmachen einer Schüssel bis zu einem Selbstmordversuch. Lola ist zornig und unkontrollierbar, ein trotziges Kind in einem erwachsenen Körper. Wohlgemerkt in einem männlichen Körper.

Sie trinkt zu viel, raucht, rastet aus, steht auf Frauen, weshalb Nino ungewollt mit seiner Chefin schläft. „Lola ist autonomer, wagemutiger, furchtloser als du.“ Sie macht sich durch ein Ziehen im Nacken bemerkbar, durch stechende Fingerkuppen, einen fahlen Geschmack im Mund. Ihre Eskapaden hinterlassen Schmerzen und Wunden. Sie ist alles, was Nino nicht ist. Sie ist ihm völlig unbekannt und doch so nah, wie ihm niemand anders sein kann.

Die Vorstellung, dass da noch jemand im eigenen Körper steckt, ist schon unmöglich genug. Dass man ihn dann aber mit so jemandem teilt, ist noch viel unmöglicher. Es ist „ein Leben im freien Fall, ein immerwährender Höllenritt.“ Einer, der seinen Höhepunkt an der Stelle erreicht, die auf dem Cover abgebildet ist: im Pool, bei Nacht, in völliger Ungewissheit. Am Ende ist einer tot. Und Ninos Mantra (“Es ist so, weil es so sein soll“) verliert erst einmal seine Wirkung. Trägt jemand die Schuld daran? Und falls ja: Wer und warum? Auf den letzten Seiten kommt die ganze Bandbreite der Geschichte zum Vorschein.

Sie zeigt sich aber nicht offen, schaut vielmehr um die Ecke. Es entsteht eine flüchtige Ahnung davon, warum Lola da ist. Warum sie tut, was sie tut, auch, warum sie verschwindet. Sätze wie „Heilung ist immer so weit möglich, wie die Seele bereit ist, sich dafür zu öffnen“ lassen das Gefühl aufkeimen, dass man der Sache auf die Spur kommt, ergründen kann man sie jedoch nicht. Es bleiben Fragen offen – aber „etwas bleibt eben immer“. So endet der Roman, wie er begonnen hat: Auf der Terrasse, der Küstenstraße lauschend. Einen aufwühlend guten Eindruck hinterlassend.

Edgar Rai ist ein weiteres Glanzstück gelungen. Eines, das verstohlen schimmert, statt sich gänzlich zur Schau zu stellen – das ein unmöglich erscheinendes Geheimnis für sich bewahren kann. Was bleibt, ist die Erfahrung: „Es ist so, weil es so sein soll.“