Kultur

„Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand“

228 Jahre alt und immer noch aktuell: Adolph Freiherr von Knigges Ratgeber „Über den Umgang mit Menschen“ ist neu verlegt worden

„Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen!“ Was sich liest wie eines der zehn Gebote, ist der gute Rat von einem, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, durch Geistes- und Herzensbildung Menschen zu erziehen: Adolph Freiherr von Knigge (1752–1796). Viele dieser klugen Gedanken hat der norddeutsche Aufklärer einst in seiner Schrift „Über den Umgang mit Menschen“ (Esprit de Conduite/1788) formuliert. Und das ein Jahr vor der Französischen Revolution, als man von Gleichheit und Brüderlichkeit noch geträumt hat. Ihre Aktualität heute steht weitgehend außer Frage. Der Insel Verlag Berlin hat eine Auswahl der Knigge-Ratschläge in seiner hübschen Edition Insel-Bücherei veröffentlicht.

Der verarmte Adlige, der irrtümlich noch immer als Verkünder feiner Tischmanieren gilt, hat das Sozialverhalten der Menschen unter die Lupe genommen, analysiert und Schlüsse fürs „gute Benehmen“ daraus gezogen. Wobei er unbedingt Wert auf Einsicht legt. Das Sein ist ihm wichtig, nicht der Schein. Und so plädiert Knigge beispielsweise dafür: „Beurteile die Menschen nicht nach dem, was sie reden, sondern nach dem, was sie tun.“

Nach Ansicht des Freiherrn will der Umgang mit dem Gegenüber gelernt sein: „Reiche nicht jedem Deine rechte Hand dar. Umarme nicht jeden. Drücke nicht jeden an Dein Herz.“ Denn: „...wer wird Deinen Freundschaftsbezeigungen trauen, ihnen Wert beilegen, wenn Du so verschwenderisch in Austeilung derselben bist?“

Vergnüglich sind auch Knigges Gedanken zur Kleidung. „Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand; nicht unter und nicht über Dein Vermögen; (...) nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen musst, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön. Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische Torheit nachahmende Kleidung aus.“ Knigge unterscheidet genau zwischen Stolz und Hochmut, wobei ersterer „eine edle Erscheinung der Seele“ sei, die zu großen Taten führen könne. „Hochmut hingegen brüstet sich mit Vorzügen, die er nicht hat.“ Er sei fast immer mit Dummheit gepaart und somit „durch keine vernünftigen Gründe zu bessern und keiner bescheidenen Behandlung wert.“

Der Freiherr nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, den Menschen einen Spiegel vors Gesicht zu halten. Er lässt dabei nahezu keine Seite des Lebens aus: so beispielsweise vom Verhalten der Eltern zu ihren Kindern (und umgekehrt), von ehelichen Pflichten, Treue und Eifersucht, von Jugend und Alter, von Reichtum und Armut, nicht zuletzt von der Einstellung zur Religion. Hier bricht sich der Geist der Aufklärung besonders deutlich Bahn: „Dass ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott erlauben wird, ich meine, das versteht sich von selber (...). Man respektiere das, was andern ehrwürdig ist. Man lasse jedem die Freiheit in Meinungen, die wir selbst verlangen.“

Man kann Knigges Regelwerk mit einigen Abstrichen auch heute noch als guten Ratgeber für seinen Lebensweg nehmen. Der vorliegende Band verzichtet daher auf Kapitel, die zur Vorsicht beim Pferdehändler gemahnen oder über die Bestechlichkeit von Postkutschern informieren, was als Zeitdokument zwar interessant und amüsant wäre, nicht aber mehr dem hehren Anliegen des Autors entspräche.