Kultur

Bilder, die in den Raum hineinwachsen

Verschmelzung von Malerei und Skulptur: Werke von Frank Stella in der Galerie Sprüth Magers

Er gilt als eine der letzten lebenden Legenden der amerikanischen Malerei der 50er- und 60er-Jahre. Damals war der 1936 in Malden, Massachusetts, geborene Frank Stella mit seinen strengen Streifenbildern als kompromissloser Minimalist bekannt. Bahnbrechend sind seine abstrakten Gemälde aus der „Black Paintings“-Serie, in der er sich ganz auf die Farbe Schwarz konzen-triert. Mit ihnen erobert er die Kunstszene New Yorks. Als Galerist Leo Castelli ihn 1959 entdeckt, kommt der Durchbruch. Bald reichte Stella das gewöhnliche rechteckige Leinwandformat nicht mehr, er experimentierte mit allerlei anderen Formaten. „Shaped Canvases“ nannte er diese ab 1960 entstehenden Reihen, die schon eine Verschmelzung der Malerei mit der Skulptur andeuten. Kurvenreich wird es in der „Protractor Series“, in der er Halbkreise aus gestaffelten Farbfächern zu riesigen Bildformaten kombiniert. Mit nur 34 Jahren richtet ihm das Museum of Modern Art bereits 1970 als jüngstem Künstler eine Retrospektive aus.

Ausgerechnet in dieser Zeit lag er wegen einer Knieverletzung im Krankenhaus und haderte mit seiner Kunst. Was sollte jetzt noch kommen? Sein Freund, der Architekt Richard Meier, schenkte ihm ein Buch mit Fotografien und Konstruktionszeichnungen von Holzsynagogen in Polen, die alle im Zweiten Weltkrieg zerstört worden waren. Fasziniert davon fertigte Stella zu den einzelnen Synagogen abstrakte Zeichnungen auf Millimeterpapier an. Daraus entstanden zwischen 1971–1974 die „Polish Villages“, 130 großformatige Werke.

Neun davon sind derzeit in der Galerie Sprüth Magers zu sehen. Jedes trägt im Titel den Namen einer der polnischen Städte, in denen einst die Synagogen standen. Die abstrakten farbigen Reliefs, bei denen Stella mit so unterschiedlichen Materialien wie Holz, Karton, Stoff, Filz und Farbe experimentiert, knüpfen an seine Malerei in den 60er-Jahren an, übertragen die strenge Organisation der Bilder in den Raum. Bei Sprüth Magers entfalten sie eine unglaubliche Dynamik. Stella verbindet die Malerei hier nicht nur mit der Skulptur, sondern erstmals auch mit der Architektur. Er selbst spricht von „picture-building“, gebauten Bildern. Diese erinnern an die verschwundenen Synagogen und das dunkle Erbe des Nationalsozialismus, aber auch daran, dass die abstrakte Kunst – wie Stella selbst sagt – von Russland über Polen nach Europa kam oder genauer: von Moskau über Warschau nach Berlin. In Stellas Werk stellen die „Polish Villages“ einen Einschnitt dar, sind es doch seine ersten Versuche auf dem Weg von tastenden Reliefs über die später ausladenden, raumgreifenden Arbeiten hin zu Architekturentwürfen in jüngerer Zeit.

Mehr als 30 Jahre später setzt Stella seine Experimente über das Verhältnis von Malerei, Skulptur und Architektur fort. In der „Bali“-Serie schafft Stella mit Industriematerialien wie Stahlrohren, Plastikverschalungen und Armaturverkleidungen von Autos hochdynamische Skulpturen, die von Stammesriten der Bevölkerung auf Bali angeregt sind. Oft glaubt man, exstatische Bewegungen eines rituellen Tanzes zu erkennen.

Sprüth Magers, Oranienburger Str. 18, Mitte. Di.–Sa., 11–18 Uhr. Bis 3.9.