Kultur

Modemacher erobern die Theater

Auf der Suche nach optischer Überwältigung: Mehrere Designer werden in der neuen Spielzeit auf Berliner Bühnen zu sehen sein

Glitzer, Strass, Federn, Ganzkörper­tattoos und eine dreiköpfige Tänzerin: Im Friedrichstadt-Palast wird es opulent, ja schrill. Modedesigner Jean Paul Gaultier (64) entwirft die Kostüme der nächsten Revue. Ab 6. Oktober werden die Tänzerinnen und Tänzer von „The One Grand Show“ in 500 Kreationen von ihm über die Berliner Bühne tanzen. Über elf Millionen Euro lässt sich der Palast das Spektakel kosten. Fast zeitgleich an der Deutschen Oper: Der Berliner Modemacher Michael Sontag staffiert erstmals Mozarts „Così fan tutte“ aus. Beide sind nicht unbedingt als Kostümbildner und Kulturschaffende bekannt, sondern als Modedesigner. In der letzten großen Premiere vor der Sommerpause waren in der Deutschen Oper die Kostüme des britischen Designers Hussein Chalayan zu sehen.

Verwandelt sich die Theaterbühne jetzt in einen Laufsteg? So abwegig ist das nicht. Theater und Haute Couture haben von jeher etwas gemein: die Inszenierung, die Dramatik. Beiden geht es um das Trugbild des perfekten Moments. Das Spagat entsteht woanders: beim Geschichten erzählen.

Für Gaultier ist die Bühnenshow nicht neu. Er schuf Madonnas legendären Kegel-BH, kleidete Kylie Minogue und Beyoncé für die Bühne ein, kreierte Outfits für Hollywood-Blockbuster. Mit ihm konnte Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palastes, einen Designer von Weltklasse gewinnen. „Die Arbeit mit einem Topdesigner ist schweißtreibend“, sagt Schmidt. Dabei müsste er mittlerweile ein bisschen Erfahrung mitbringen. Nach Michael Michalsky, Christian Lacroix und Thierry Mugler. Schmidt arbeitet im achten Jahr eng mit Modemachern zusammen. Seine Tanzrevues funktionieren über Opulenz und Exzentrik. Kostüme sind essentieller Teil der Show. „Die Revue ist eine verschwenderische Kunstform, das muss optisch die absolute Überwältigung sein“, sagt er.

Dabei ist das schwieriger, als es sich anhört. Sich der Bühne anpassen und den Bewegungen der Tänzer, den Anforderungen der Rollen und Figuren ist nicht nur zeit- und empathieaufwändig. Dazu kommen Absprachen mit Choreografen, Regisseuren, Dramaturgen. Da sind Kompromisse statt einer One-Man-Show angesagt. Auch die Stoffe müssen jede Bewegung mitmachen, waschbar sein und länger als einen Abend halten. Also so gar nicht Haute Couture. Schauspieler und Tänzer sind keine Models, die Bühne ist kein Laufsteg. „Ich würde nie sagen: ,Liebe deutsche Theater, holt euch auch einen Couture-Designer.’ Es kann viel schief gehen, wenn man diese beiden Welten, Theater und Mode, nicht zusammen kriegt“, warnt Schmidt, „wir haben jetzt Jahre geübt und drehen trotzdem am Rad.“

Was der Intendant des Friedrichstadt-Palastes meint: wnn kein Mehrwert fürs Stück entsteht, wenn Mode und Theater nicht harmonieren. Wenn der Spagat, eine Geschichte zu erzählen, in einer Verrenkung endet. Wie bei den Bühnen-Outfits des französischen Modezars Christian Lacroix. Er staffierte vor zwei Jahren die Sänger für „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ im Schiller-Theater aus. Glitzeranzüge, kunterbunte Leggins, Paillettentutus, regenbogenfarbene Lockenperücken. Die Bühne erstrahlte im Glanz der Discokugel, als wären die 80er-Jahre mit dem Elektroschocker wiederbelebt. Wer die Brecht-Oper kennt, weiß, das passt nicht. Zu viel Maskerade, zu wenig Inhalt. Für ein Brecht-Stück war dieser Verfremdungs-Effekt wohl zu groß.

Ähnlich erging es dem japanischen Modeschöpfer Yohji Yamamoto. 1993 lässt er sich vom Berliner Dramatiker Heiner Müller überreden, mit ihm nach Bayreuth zu gehen, „Wagners Operngeschichte zerbrechen“. Yamamoto kleidet also „Tristan und Isolde“ ein, er denkt sich allerlei ­Futurismen aus, Halskrausen und dergleichen. „Yohji, du bist Karatemeister, also wird dir nichts passieren“, sagt Müller hinter dem Schlussvorhang, „aber sei vorsichtig, sie werfen mit Tomaten oder Eiern nach dir.“ Niemals würde er das wieder machen, sagte Yamamoto später über die Kostümerfahrung. Über das Buhen und die Pfiffe. Auf den Laufstegen in Paris, London und New York herrscht eben ein anderer Ton.

Schon Coco Chanel hat in den 20er-Jahren Tänzer des Ballett Russe eingekleidet, Yves Saint-Laurent entwarf Tutus, Karl Lagerfeld arbeitete für das Wiener Burgtheater. Auch die Deutsche Oper hat schon auf Modedesigner gesetzt. In Katharina Thalbachs krawalliger Inszenierung vom „Barbier von Sevilla“ 2009 beispielsweise. Da verpflichtete sich der Berliner Mode-Moderator Guido Maria Kretschmer, die Kostüme zu liefern. Auch ob Mozart und Mode gut funktionieren, hat das Haus schon getestet. Mit weniger Erfolg. In der vergangenen Spielzeit kleidete der britische Modedesigner Hussein Chalayan die Darsteller für die „Entführung aus dem Serail“ ein. Oder eher nicht.

Die Inszenierung Rodrigo Garcias setzt auf viel Nacktheit und Drogen­exzesse, auf Monster-Trucks und Provokation. Auch hier: zu viel Show, zu viel Eskalation. Dabei ist Chalayan kein typischer Glitzerfummel-Macher, eher intellektueller Avantgardist. Er näht mal Eisenteile in seine Entwürfe oder vergräbt sie über Wochen in der Erde, er spickt Kleider mit LED-Lichtern und baut fernsteuerbare Sensoren ein, damit sie sich wie von Geisterhand bewegen. Doch am Charlottenburger Opernhaus konnte auch Chalayan nicht mehr helfen. Trotz wallender Morgenmäntel, Bustiers und Volants geriet das Stück seelenlos. Das ist die Crux: Wenn Äußerlichkeiten den Inhalt überdecken.

Designer Michael Sontag (36) wird das mit Mozart noch einmal versuchen. Gemeinsam mit Regisseur Robert Borgmann wird er Ende September „Così fan tutte“ auf die Bühne heben. Weil die Kostüme der „Così“ nicht im Alltag bestehen müssen, sondern auf der Bühne, habe er viel freier und fantasievoller arbeiten können, sagt er. Außerdem sei er ohnehin ein Fan der Mozart-Opern. Wer die Kollektionen des Berliners kennt, weiß, fließende Stoffe, Drapierungen und Asymmetrien, das ist seins. Weniger Effekthascherei, mehr stille Eleganz. Ungefähr 18 Kostüme hat er für Borgmanns Inszenierung entworfen, Reif­röcke und Anspielungen auf die Entstehungszeit des Stücks im Rokoko.

Die Endproben stehen in wenigen Wochen an. Dann wird sich ­herausstellen, ob alles zusammen passt. Musik, Licht, Kostüme, Bühnenbild. „Wenn man dann merkt, dass es doch nicht passt, dann muss man eben flexibel sein. Für mich ist es okay, wenn sich an den Kostümen noch etwas ­ändert“, sagt er. Dass man auf der Bühne gemeinsam eine Geschichte erzählt, das habe ihm Spaß gemacht.

Das ist ja auch ein bisschen so wie auf dem Laufsteg. Auch da muss man es schaffen, mit einem Outfit eine Rolle anzulegen. Eine, die ohne Worte auskommt. Keine gute Show funktioniert ohne Sinn für Inszenierung.

Premieren: „The One Grand Show“: Friedrichstadt-Palast, Friedrichstr.107. 6. Oktober, 19.30 Uhr. „Così fan tutte“: Deutsche Oper,
Bismarckstr. 35, 25. September, 18 Uhr.