Kultur

Zuversicht hinter Baugerüsten

Die Berliner Kultur blickt auf eine Saison mit neuen Chefs, Streitigkeiten und Neugründungen zurück

Die Berliner Kultur hat eine aufregende Saison hinter sich. Kulturpolitisch bewegte sich vieles im Spannungsfeld zwischen Untersuchungsausschuss und sichtbaren Bauerfolgen, der Neubesetzung von Chefpositionen und Nachfolgerstreitigkeiten sowie Diskussionen rund um Neugründungen und Bauvorhaben. Es ging rauf und runter, aber am Ende der Saison überwiegt das Zuversichtliche.

Am deutlichsten wird das Widersprüchliche am Beispiel der Staatsoper Unter den Linden. Über Jahre hinweg wurde der Sanierungsfall und die Berliner Unfähigkeit zu bauen kritisiert. Das Abgeordnetenhaus hatte einen Ausschuss eingerichtet, um herauszufinden, wer an der Kostenexplosion bei der Sanierung des Opernhauses schuld ist. Statt der ursprünglich rund 240 Millionen Euro sind inzwischen 400 Millionen Euro für das Projekt veranschlagt. Die Wiedereröffnung der Lindenoper hat sich um mehrere Jahre auf Oktober 2017 verschoben. Inzwischen ist bekannt, dass vor allem massive Mängel bei der Bauplanung schuld waren. Und wenn es schon gilt, einzelne Schuldige zu benennen, dann wird der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) genannt. Oder der Unternehmer Peter Dussmann, der als früherer Chef des Freundeskreises der Staatsoper eine Spendenzusage von 30 Millionen Euro gemacht haben soll. Mit dieser Finanzzusage wurde die ganze Staatsopern-Sanierung erst in Gang gebracht. Gezahlt hat der Freundeskreis rund 3,5 Millionen Euro.

Der neue Opernintendant lobt die verbesserte Akustik

Allmählich fallen die Baugerüste und die Staatsoper kommt in alter Pracht hervor. Obendrein ist ein neues unverbrauchtes Gesicht auf der Bühne aufgetaucht. Seit März arbeitet sich Matthias Schulz, der designierte Intendant der Staatsoper, ein. Er hatte mit den Querelen um die Sanierung nichts zu tun und lobt jetzt die verbesserte Akustik oder die neue Außenfassade. Vermutlich wird in der nächsten Saison die Vorfreude auf die künstlerische Wiederöffnung den Bauskandal, der er ist und bleibt, eher vergessen machen.

Gleich auf der Rückseite der Staatsoper, im früheren Magazingebäude, wurde zum Saisonende eine vielleicht sogar epochale Neugründung vorgestellt: Im Herbst eröffnet die Barenboim-Said-Akademie, eine Musikhochschule, in der Stipendiaten aus dem Nahen Osten ausgebildet werden. Ein Friedensprojekt. Beiläufig wird auch ein neuer Konzertsaal, der Pierre-Boulez-Saal, eingeweiht. Das Besondere an Daniel Barenboims Projekt: Der Bund hat die Akademie in seine finanzielle Obhut genommen.

Berlins Mitte gewinnt sichtbar an kultureller Attraktivität. Auch das Schloss wächst von Tag zu Tag, doch über den abschließenden Masterplan für das Humboldt-Forum ist nach wie vor wenig zu erfahren. Freilich, es gibt Neil MacGregor, den Mann aus London, der alles richten soll und etwas vom Glanz des British Museum nach Berlin transferieren soll. Nicht, dass es keine Idee und Konzepte gäbe. Was noch fehlt, ist der „Zuckerguss“, der alle Etagen und Parteien inhaltlich als Ganzes überzieht. Zudem soll der 70-Jährige die Akteure der einzelnen Institutionen wie die Humboldt-Universität, das Land Berlin und die Staatlichen Museen zusammenbringen und die Anbindung zur Museumsinsel bewerkstelligen. Fest steht, dass die beiden großen Dahlemer Museen, das Ethnologische und das Asiatische, in ihre Räume in den Obergeschossen des Schlosses einziehen.

Der Umzug von Dahlem nach Mitte ist in vollem Gange. Die Frage ist, was passiert in den unteren Etagen, etwa im Entree des Gebäudes, von dem wesentlich abhängt, wie und ob überhaupt die Besucherströme in die oberen Etagen gelangen. Berlin hat jetzt als erstes geliefert: Direktor Paul Spies hat gerade seinen Masterplan für die Berlin-Präsenz im Humboldt-Forum und die Verknüpfung mit dem Stadtmuseum vorgelegt. Es war offenbar richtig, das ursprüngliche Konzept noch einmal zu überarbeiten und ihm etwas mehr Größe, mehr globalen Atem zu verleihen. Anfang November will MacGregor dann in der umgebauten Humboldt-Box seine erste Ausstellung zeigen – eine Art Showroom für sein künftiges Konzept. „Open the Box – Be Humboldt“, so ist die ganze Serie betitelt, die auf drei Jahre bis 2019 angelegt ist.

Streitigkeiten um die Volksbühne aufgeflammt

Zwischen Nationalgalerie und Philharmonie soll das Museum der Moderne (M20) entstehen. Anspruch ist es, der Brache am Kulturforum eine zukunftsträchtige Ordnung und der Nationalgalerie einen Erweiterungsbau zu bieten. Wie das Kunsthaus aussehen wird, soll Mitte bis Ende Oktober feststehen, der Gewinner des Realisierungswettbewerbs soll dann bekannt gegeben werden. Unter Architekten gilt der Bau als höchst anspruchsvolles Projekt von europäischem Rang. Allein beim Ideenwettbewerb war das Interesse groß, 460 Teilnehmer bewarben sich. Nun stehen viele bekannte und internationale Büros auf der Wettbewerbsliste, Herzog & De Meuron, Max Dudler, Sauerbruch Hutton, auch das Büro der kürzlich verstorbenen Stararchitektin Zaha Hadid und das Büro Chipperfield, das derzeit auch mit der Generalsanierung der Nationalgalerie betraut ist. Das Museum zu entwerfen gleicht einer Quadratur des Kreises: Es soll städtebaulich wie museal überzeugen, sich neben den architektonischen Solitären von Scharoun, Stüler und Mies van der Rohe selbstbewusst behaupten, ohne aber diese Ikonen zu übertrumpfen. Wenn die Planung läuft, soll das M20 2021/22 fertig sein.

Frank Castorf, der kürzlich 65 Jahre alt wurde, geht in seine letzte Saison als Intendant der Volksbühne. Eine Legende verabschiedet sich. Im Moment tut er überraschend schweigsam. Aber die Streitigkeiten um seinen Nachfolger Chris Dercon wollen nicht enden. Der ausgewiesene Museumsmann ist bei vielen als Theatermann umstritten. In den letzten Wochen gab es offene Briefe der Volksbühnen-Mitarbeiter und der Dercon-Verteidiger. Dem Neuen wird der künstlerische Umbau in eine „Eventbude“ und Entlassungen von Mitarbeitern vorgeworfen. Dercon ist im Moment vor allem damit beschäftigt, alles dementieren zu lassen. Eigentlich ist er noch gar nicht da. Im September kommt er und bezieht ein Büro unweit der Volksbühne. Bei einem „Rathaus-Dialog“ hat er gerade angekündigt, erste Pläne bereits im September bekannt zu geben.