Konzert

Barenboim: „Wir müssen miteinander leben“

Daniel Barenboim ist mit dem West-Eastern Divan Orchestra unterwegs. Die Tour führt ihn auch in die Waldbühne nach Berlin.

Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra

Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra

Foto: KAI HEIMBERG I / BM

Der Berliner Dirigent Daniel Barenboim ist in seine Geburtsstadt Buenos Aires gereist, im Teatro Colon beginnt am heutigen Sonntag die Sommertournee seines West-Eastern Divan Orchestra. Mit dabei ist die argentinische Pianistin und Barenboims Jugendfreundin Martha Argerich. Zusammen geht es über Salzburg nach Berlin, wo am 13. August das Waldbühnenkonzert des West-Eastern Divan Orchestra stattfinden soll. Auf dem Programm stehen Werke von Liszt und Wagner.

Berliner Morgenpost: Herr Barenboim, im Orchester spielen junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern gemeinsam. Hat sich die Besetzung in diesem Sommer verändert?

Daniel Barenboim: Es gibt neue Mitglieder wie in jedem Jahr, aber niemand aus einem neuen Land. Die Besetzung ist immer ungefähr ausgeglichen, es gibt 35 Prozent Israelis, 35 Prozent Araber, der Rest kommt aus dem Iran, der Türkei und einige aus Europa.

Ihre Musiker sollen sich nicht nur mit Musik, sondern auch mit Gesellschaftsthemen befassen. In der Vergangenheit haben Sie zu den Probenphasen auch Künstler und Philosophen eingeladen. Was haben Sie in diesem Jahr vor?

Wir haben in Salzburg jetzt ein wichtiges Symposium mit der in Harvard ausgebildeten Rechtsphilosophin Roni Mann. Sie leitet die humanistische Abteilung in der Barenboim-Said Akademie. Ich mache mit ihr zusammen ein Programm über den 1965 in Jerusalem verstorbenen Philosophen Martin Buber. Sein Hauptwerk „Ich und Du“ ist eines der wichtigsten Bücher, die ich studiert habe. Ich habe auch seine Vorträge in der Universität in Jerusalem verfolgt.

Was soll den Musikern vermittelt werden?

Dass Buber wichtig ist für die Entwicklung der Philosophie über Spinoza und Hegel hinaus in die Gegenwart. „Ich und Du“ erklärt, wie zwei Seiten zu einer Einheit werden können. Das ist auch ein Prinzip, dass für die Musik sehr wichtig ist. Denn in der Musik geht es nicht nur um eine Ansammlung von Phrasen und Klängen, sondern darum, dass sie zu einer organischen Einheit finden müssen. Insofern halte ich Buber sehr wichtig auch für Musiker.

Seit 1999 ist das Divan-Orchester künstlerisch immer weiter gewachsen. Jedes anspruchsvolle Orchester lebt von Kontinuität und Beständigkeit. Wie viele neue Mitglieder verträgt das Wedo pro Jahr?

Im Jahr 2013 haben wir einmal drei voneinander getrennte Projekte gemacht. Im Januar spielten wir in der Carnegie-Hall sämtliche Beethoven-Sinfonien, dann haben wir in Salzburg das Brahms-Requiem aufgeführt und dann folgte das Sommerprogramm. In diesem Zeitraum gab es 29 neue Mitglieder. Das war schon extrem. Ich denke, so zehn bis fünfzehn Prozent der Musiker sind neu pro Jahr.

Es gibt Terroranschläge in Europa, inzwischen auch in Deutschland. Belastet das irgendwie die Tournee des Wedo?

Ich hoffe natürlich nicht. Aber es ist etwas, was das Orchester sehr beschäftigt. Denn es widerspricht unserem Denken und der Botschaft unseres Wirkens. Die Realität in Nahost verweigert sich dem Zusammenkommen von Ich und Du, sondern alles steuert auf Boykott, auf Kontaktverweigerung von allen Seiten zu. Die Leute haben vergessen, dass man neben- und miteinander leben muss. Und nicht Rücken an Rücken. Viele träumen sogar davon, dass der andere vom Erdboden verschwinden wird, aber am nächsten Tag ist der andere immer noch da. Wir müssen weiterhin an eine Welt glauben, in der wir miteinander leben können.

Das ist eigentlich keine Aufgabe für ein Orchester.

Aber es ist gar nicht blauäugig, wenn wir es im Orchester miteinander durchspielen. Das Orchester gibt all seinen Mitgliedern etwas, was sonst im Nahen Osten nicht existiert: Gleichheit. Bei einer Mozart-Sinfonie sind alle beteiligten Musiker gleich. Sprich gleichberechtigt. Das gibt es leider in der Region nicht. Dort glauben zu viele an eine von Krieg oder von Terror in­spirierte Lösung. Das ist aber kurzsichtig. Natürlich kann das Orchester keinen Frieden bringen, aber die Utopie des Orchesters müsste eines Tages Realität werden. Die Konzerte zeigen, dass man miteinander etwas erreichen kann.

Im Herbst nimmt Ihre Barenboim-Said Akademie in Berlin die Arbeit auf. Wie eng sollen das Orchester und die Musikhochschule verbunden sein?

Stipendiaten aus der nahöstlichen Konfliktregion sollen eine musikalische und philosophische Ausbildung erhalten. Es ist schon die Idee, dass es auch die Akademie fürs Divan-Orchester ist. Das heißt, ich habe die Hoffnung, dass einige der Absolventen auch im Orchester spielen werden.

Was haben Sie als Dirigent in der Arbeit mit dem Wedo gelernt, was jetzt in das Konzept der Berliner Musikhochschule einfließt?

Ich erinnere mich genau an Weimar im Gründungsjahr 1999. Wir hatten einen schweren Probentag hinter uns, damals war das Orchester auf einem viel niedrigeren Niveau als heute. Edvard Said sagte damals zu mir: Wir beide werden mehr von den jungen Leuten lernen als sie von uns. Er hatte absolut recht. Wenn man mit wachen jungen Leuten musiziert, muss man in der Lage sein, alles erklären zu können. Alles, was sonst als Selbstverständlichkeit gilt. Aber ein junger ambitionierter Musiker fragt immer, warum? Es zwingt den Dirigenten, den Erzieher, verständlich zu machen. Ich habe dabei wahnsinnig viel gelernt.