Kultur

Am Strand sind alle Menschen gleich

David Prudhomme und Pascal Rabaté liefern die ideale Lektüre. Ein Comic, der nach Sonnenmilch duftet: „Rein in die Fluten“

Der gebräunte Beau entspricht jedem Klischee, das man sich denken kann: Die Brustmuskeln zucken, er glotzt über die Ränder seiner Sonnenbrille. Und hat er nicht eben der Prollblonden mit dem tätowierten Steiß zugezwinkert? Und warum muss das Balg mit der Sandschippe in einer Tour mit seinem Sopran in den schrecklichen Chor der Strandschwätzer einstimmen? Immerhin reden die hier alle Spanisch oder Hessisch, man versteht glücklicherweise kein Wort. Was alles andere angeht, sind alle Menschen am Strand gleich: die Glotzer, die Eitlen, die Faulen, die Sportiven, die Sonnenverbrannten, die Verliebten, die Schweiger, die Laberbacken.

Wie an jedem öffentlichen Ort sind auch am Strand, jenem Sinnbild für Urlaub, Stereotypen anzutreffen, Szenen und Figuren mit Wiedererkennungswert. Sie laufen uns jedes Jahr wieder über den Weg, ihre Gegenwart in den Ferien ist so verlässlich wie Sonnenbrand und Eis am Stiel. Und wir gehören in dieses Bild, dessen Farben sich Urlaub für Urlaub erneuert, das mit jedem Trip ans Meer nachkoloriert wird, wir gehören ebenfalls in dieses Bild. Wir sind Bestandteil des Sittengemäldes wie alle anderen auch.

Die beiden genauen und humorbegabten Beobachter und Menschenversteher David Prudhomme und Pascal Rabaté haben aus dem Schauspiel, das der Strand darbietet, nun eine Graphic Novel gemacht. Einen Comic, der nach Sonnenmilch duftet, wenn man so will; ein Tag am Meer als launisch hingemaltes Episodenstück.

Der Betrachter begleitet die Helden – es sind Dutzende, sie alle haben einen kurzen Auftritt – auf Sommerfrische, es ist vor allem ein Feuerwerk der Vorurteile, entzündet am Faktor Stress, der die Repräsentanten der Leistungsgesellschaft auch beim Entspannen begleitet. Bereits die elendige Fahrt zum Ziel inszeniert das Autorenduo als großartigen Chor des Immergleichen – Misstöne inbegriffen. Der eine fährt das dickere Auto, der andere tyrannisiert die Mitfahrer im Zug mit penetrant guter Laune usw. usf.: Am Strand, dem Sehnsuchtsort, geht die Komödie der Sonnen- und Wasserhungrigen dann erst richtig los. Der Strand ist der Ort, an dem sich die Philosophien der Freizeit-Gegenwart treffen. FKK zum Beispiel, freier Körper, freier Wille. Wer will, kann auch die körperbemalten Tattoo-Fans als Ideen-Vermarkter sehen. Bemalter Body, Triumph des Auffallens um den Preis der Makellosigkeit. Sandburgen-Bauer dagegen wollen nicht sich, sondern die Umwelt verschönern; und Wampen-Träger haben das Ideal der Ästhetik schon lange aufgegeben.

Sie alle lassen Prudhomme, Jahrgang 1969, und Rabaté, Jahrgang 1961, in ihrer vergnüglichen Comic-Schau auftreten. In mehrfacher Ausführung – als Hundehüter, Westenträger und Glatzkopf mit Bauchvorsatz – hat auch der Strand-Flaneur seinen Einsatz. Er ist jeweils das Alter Ego der Autoren.

Nur so ist die Typologie der Strandbesucher zu bewerkstelligen: Als Schubladisierung all der Menschen, die einem im Urlaub halt so über den Weg laufen. Vom Ankommen über das Verweilen bis zur Abfahrt bei untergehender Sonne nehmen sich die Illustratoren das Phänomen „Seele baumeln lassen mit Nase im Wind“ vor. Ihr französischer Strand könnte ebenso gut ein spanischer, griechischer oder deutscher sein. Das helle Gelb des Strandes ist überall gleich. Es ist auch die dominierende Farbe in diesem gezeichneten Wimmelbild, das man sich durchaus mehrere Male anschauen sollte. Es gibt viel zu entdecken – und nicht nur die Folgerung, dass ein Strandausflug ein bisschen wie der Trip in ein Kriegsgebiet ist.