Zeitgenössischer Tanz

20 Jahre lang durch Hölle und Himmel

Die griechische Choreographin Toula Limnaios leitet seit 20 Jahren in Berlin eines der erfolgreichsten Ensembles für zeitgenössischen Tanz.

19.07.2016/ Germany/ Berlin/ Eberswalder strasse 10/ Choreographin Toula Limnaios, in der Halle Tanzbühne Berlin photo: David Heerde

19.07.2016/ Germany/ Berlin/ Eberswalder strasse 10/ Choreographin Toula Limnaios, in der Halle Tanzbühne Berlin photo: David Heerde

Foto: David Heerde

Ein paar französische Worte, ein Türknallen. Choreographin Toula Limnaios hat genug. Vier Stücke gleichzeitig proben, Bauarbeiten auf dem Dach und jetzt auch noch ein Fotograf, der ihr Anweisungen gibt. Dabei könnte die 53-Jährige bestens gelaunt sein. Dieser Tage feiert sie das 20-jährige Jubiläum ihres Tanzensembles cie. Toula Limnaios, ihr Name ist einer der ersten, der in Gesprächen über zeitgenössischen Tanz bewundernd genannt wird. Und ihre Produktions- und Spielstätte die „Halle“, eine ehemalige Sporthalle aus dem Jahr 1888, wurde gerade frisch renoviert.

Aber der Druck ist hoch. Acht unterschiedliche Stücke tanzt das Ensemble von Mai bis August. Die letzten Tage stand Toula Limnaios selbst für ihre Solostücke auf der Bühne. Am heutigen Donnerstag ist Premiere von „Isson“. Einige Minuten nach ihrem Hinausstürmen kommt die Choreographin wieder in den Proberaum.

In ihrem gestreiften Pullover und der weiten Hose wirkt sie noch kleiner, als sie wirklich ist. Sie hält eine angezündete Zigarette in der Hand und streift sich über das mit weißen Strähnen durchzogene Haar. Als sie sich entschuldigt, duzt sie alle, ihr leichter französischer Akzent lässt ihre Worte voller Eleganz schwingen.

Zeitgenössischer Tanz sei für sie menschlicher als klassischer Tanz, erzählt Toula Limnaios in der Küche der „Halle“. Auf dem Holztisch stehen Ikea Tassen und leere Plastikflaschen. Um bei einem klassischen Tanz mitmachen zu können, müssten die Tänzer erst einen bestimmten Code erlernen. Zeitgenössischer Tanz sei allen zugänglich, freier, dort stehe der Mensch und seine Emotionen im Mittelpunkt.

Auch Trauer und Wut sollen getanzt werden

Die tiefe Liebe zu modernen Tanzformen habe sie bei Pina Bausch entdeckt, sagt Toula Limnaios und schaut mich mit ihren hellbraunen, ruhigen Augen an. Was das Wichtigste sei, das sie bei der berühmten Choreographin gelernt habe, will ich wissen. Sie überlegt, das sei so viel gewesen, sagt sie. Vielleicht, dass sie verstanden habe, dass alle Emotionen, auch Trauer und Wut getanzt werden sollten.

Sie zündet sich eine weitere Zigarette an. Die Küche ist im Erdgeschoss, durch die geöffneten Fenster blicken wir auf den Innenhof mit seinen grünen Bäumen. Sie komme aus armen Verhältnissen, erklärt die in Athen geborene Tänzerin. Ihre Eltern seien nach Belgien immigriert, sie sei in Brüssel aufgewachsen. So erklärt sich auch ihr französischer Akzent.

„Kunst und Kultur gab es Zuhause nicht“, sagt sie. Eine Kindergärtnerin habe den Eltern gesagt, dass ihre Tochter unbedingt tanzen solle. Sie sei schon als Kind immer in Bewegung gewesen, durch das Tanzen hätte sie ihre Energie fokussieren können, sagt Toula Limnaios. Mit der Schwester habe sie ihre ersten Choreographien entworfen. Mit 12 Jahren sei sie dann in den klassischen Tanzunterricht gegangen. Um von der verstaubten Tanzszene in Brüssel zu fliehen, wäre sie später nach Deutschland gezogen.

In Berlin habe dann ein langer Kampf begonnen. Nach der Gründung des Ensembles zusammen mit dem Komponisten Ralf R. Ollertz sei sie durch „Höllen und Himmel“ gegangen. „2009 haben wir überlegt aufzuhören, die Anerkennung in Berlin kam erst sehr spät“, sagt sie. 2009 sei dann auch die große Krise gewesen, damals hätten sie jeden Monat gezittert, ob das Geld reiche, um die Tänzer zu bezahlen.

Heute ginge es ihnen wieder gut. Dank einem neuen Besitzer der „Halle“ und Fördermitteln. Anerkennung, das ist ihr wichtig. Das merkt man auch, als sie über ihr Jahr an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ spricht. Dort sei es schwierig gewesen. Viele hätten von ihr erwartet, ein Rezept für gutes Tanzen zu präsentieren. Tipps hätte sie natürlich geben können, aber ein Rezept zum Nachtanzen, das gäbe es einfach nicht. „Es gibt nicht die eine Art zu tanzen, die dann gelernt und kopiert werden kann. Jeder muss zunächst einmal sich selbst kennenlernen und dann seinen Tanzstil finden“, sagt sie. Überhaupt, legt sie los, sei es so gewesen, dass viele Schüler nur unregelmäßig in den Unterricht gekommen wären. Die Kontinuität habe gefehlt.

Jungen Menschen fehlt oft die Leidenschaft

Sie denkt kurz nach. Wahrscheinlich fehle heute vielen die Leidenschaft für eine bestimmte Sache. Die Zeiten seien zu gemütlich, sagt sie immer wieder. Dann spricht sie ein oft formuliertes Urteil aus: „Viele junge Leute wollen keine Entscheidungen treffen, sich nicht festlegen. Sie sind überfordert von den vielen Angeboten“. Sie sei zum Beispiel noch mit einer ganz anderen Form der Kommunikation aufgewachsen.

Heute würden die Kinder ja schon fast mit dem Handy am Ohr geboren werden. Die sich verändernde Zeit interessiert sie. Nicht nur wenn es um junge Leute und ihre fehlende Entscheidungskraft geht. „Ich beschäftige mich gerade sehr viel mit der Zeit. Der Zeit, die wir auf dieser Erde haben. Dem was zwischen Geburt und Tod bleibt“, sagt sie. Unsere Zeit, das sei die Grundlage für ihre nächsten Projekte. Dann hebt sie die Hand und zeigt auf den Proberaum und lächelt. Das Gespräch ist vorbei.

„Isson“: 21.-24. Juli; „Short Stories“: 4.-7. August, Wut: 11.-14. August. Halle Tanzbühne, Eberswalder Str. 10, Prenzlauer Berg.