Kultur

Ein Schreihals, den das Publikum liebt

Die Pixies aus Bostonbeweisen sich als eine großartige Rockband in der Spandauer Zitadelle

Mit ihrem unkonventionellen Rock ’n’ Roll haben die Pixies aus Boston die Musikszene in den 80er-Jahren kräftig aufgemischt. Sie spielten eine ungeheuer raue, überraschende, gängige Strophe-Refrain-Strophe-Regeln missachtende Musik, in der grelle Gitarren dominierten, die aber kein ellenlang solistisches Saitengeniedel tolerierten. Sie gerieten sich aber bald in die Haare und lösten sich 1993 schon wieder auf.

Bis sich das Quartett vor zehn Jahren nochmals zusammenraufte. Und wieder ins Studio ging. Gerade ist mit „Head Carrier“ ein neues „Pixies“-Album erschienen, und beim einzigen Deutschland-Konzert, das die Band in diesem Jahr gibt, erweist sie sich von geradezu überbordender Spielfreude.

Rund 4000 Fans haben am Montagabend den Weg in die Spandauer Zitadelle gefunden, und sie konnten wohl eines der besten Konzerte erleben, das die Pixies je gegeben haben. „Wave of Mutilation“ vom 89er-„Doolittle“-Album steht am Beginn einer Tour de Force durch gefühlt drei Dutzend Songs, die die vier Musiker mit Wucht und Verve auf den sommerlichen Zitadellenhof wuchten.

Black Francis steht mit Gitarre und in schwarzen Anzug an vorderster Front am Mikrofon. Singt er anfangs noch recht moderat zwischen Tenor und Falsett, mutiert er im Verlauf des Abends zu dem Schreihals, den alle so lieben. Ihm zur Seite steht Gitarrist und Gründungsmitglied Joey Santiago, der die Saiten hochprofessionell schabt und schlägt und kreischende Sounds und Geräusche produziert. Ellenlange Gitarrensoli gibt es eben so wenig wie ein Schlagzeugsolo. Zum Glück.

Kein Stück ist länger als zwei, drei Minuten. Drummer David Lovering hält die eigensinnig arrangierten, von steten Tempiwechseln aufgebrochenen Songs kräftig zusammen. Neu im Bunde ist Bassistin Paz Lenchantin, die nun den Platz von Gründungsmitglied Kim Deal eingenommen hat. Sie scheint der Band neue Kraft zu geben. Sie verstehen sich prächtig auf der Bühne.

Mit „Bone Machine“ gibt es gleich als zweites Stück einen frühen Hit. Man spürt, welche neue Lust am Zusammenspiel diese Truppe antreibt. Geredet wird nicht. Nahezu ohne Pause folgt ein Song dem nächsten. „Monkey Gone To Heaven“ gibt es und „Snakes“, bei „Tony’s Theme“ skandiert die Masse immer wieder „To-ny To-ny To-ny“ mit, „Um Chagga Lagga“ vom neuen Album erklingt und die ganzen alten Kracher, allen voran „Where Is My Mind?“.

Nach rund einer Stunde zieht Black Francis sein verschwitztes Jackett aus. Denn im letzten Drittel des Konzerts wird nur noch auf Druck gespielt und Francis malträtiert seine Stimme bis zur Heiserkeit. Nebelschwaden ziehen immer wieder durch die roten und weißen Spots auf der Bühne. Hier tobt die Kraft des Rock ’n’ Roll, die von den Pixies auf ihre ureigene Weise beschworen wird.

Keine Atempause. Vor der Bühne ist alles in Bewegung. Dieser ambitioniert konstruierte Sound, diese teils dissonanten Melodien, diese von Grunge und Surf Rock getriebenen rüden Gitarrenriffs gehen in die Beine. „Debaser“ steht am Ende einer so aufwühlenden wie erschöpfenden Powershow, mit der sich die Pixies als eine der grandiosesten Live-Bands dieser Tage bewiesen haben.