Film

Riesen-Spaß mit kleinen Mängeln: Spielbergs „BFG“

34 Jahre nach „E.T.“ hat der Kultregisseur wieder einen Kinderfilm gemacht. Er setzt sich damit selbst ein Monument als Traumlieferant.

Der Riese under der Dreikäsehoch: BFG (Mark Rylance) und Sophie (Ruby Barnhill)

Der Riese under der Dreikäsehoch: BFG (Mark Rylance) und Sophie (Ruby Barnhill)

Foto: 2016 Constantin Film Verleih GmbH

Verlasse nie dein Bett! Geh nie ans Fenster! Schau nie hinter den Vorhang! Das sagt sich das kleine neunjährige Waisenmädchen Sophie, als sie nachts merkwürdige Geräusche auf der Straße hört. Sie zieht sich ängstlich die Bettdecke über den Kopf, aber dann überwiegt die Neugierde doch. Sie verlässt das Bett. Geht ans Fenster. Schaut hinter den Vorhang. Sieht einen Riesen, der durch Londons Straßen stapft. Und weil sie ihn gesehen hat, steckt er sie in einen Sack und nimmt sie in Siebenmeilenschritten mit in sein Riesenland.

Diesmal sind es drei Buchstaben. „BFG“, das steht für „Big Friendly Giant“. Steven Spielberg hat damit das berühmte Kinderbuch „Sophiechen und der Riese“ von Roald Dahl verfilmt. Aber unweigerlich muss man an Spielbergs anderen, seinen berühmtesten Kinderfilm denken, der mit den zwei Buchstaben: „E.T.“. Den hat er damals mit der Drehbuchautorin Melissa Mathison realisiert, und die hat nun auch bei „BFG“ noch einmal mit dem Erfolgsregisseur gearbeitet, bevor sie noch vor dessen Fertigstellung im November 2015 gestorben ist.

Zwei Filme nur haben die beiden zusammen gemacht, schon deshalb drängt sich ein Vergleich auf. Und irgendwie ist „BFG“ ja eine Art verkehrter „E.T.“: Damals fand ein Junge einen kleinen, hilflosen Außerirdischen und beschützte ihn vor den Erwachsenen. Diesmal wird ein winziges Mädchen in ein Land von Riesen entführt und hilft ihrem „Großen Freundlichen Riesen“ gegen seine noch viel größeren, aber erzbösen, kinderfressenden Brüder.

Roald Dahl hat sein Buch just in jenem Jahr veröffentlicht, als „E.T.“ in die Kinos kam. Schon damals, 1982, hat Spielberg das Buch des Briten gelesen. Hat es seinen Kindern vorgelesen. Und erzählt es nun, auf seine Art, noch einmal Millionen anderen Kindern, just in dem Jahr, in dem Dahl 100 Jahre alt geworden wäre. Es ist, als würden sich da gleich mehrere Kreise schließen.

Ein märchenhaftes England nach dem Brexit-Schock

Eine Szene dürfte den Schlüsselreiz gegeben haben. Der gütige Riese stapft nämlich nachts ins Land der Träume, fängt dort Träume wie Irrlichter ein und stöpselt sie in grüne Fläschchen, um sie später den Menschen einzugeben. Das sind gute und schlimme Träume. Und das ist natürlich ein wunderbares Bild für Spielberg selbst, diesen Giganten der Traumfabrik, der den Menschen ebenfalls Träume beschert, nicht in Flaschen, aber in Filmen. Gute Träume wie „E.T.“ oder „Indiana Jones“, aber auch Albträume wie „Krieg der Welten“, „Der Soldat James Ryan“, oder „A.I.“, auch so ein Buchstaben-Film und quasi der Anti-„E.T.“.

Aber Spielberg identifiziert sich laut eigener Aussage nicht nur mit dem Riesen, sondern auch mit dem Kind, das noch naiv-unschuldig an das Gute glaubt. So wie ja auch der Regisseur in all seinen Werken immer wieder das Gute beschwört und der schnöden Realität eine bessere, ideale Welt entgegenhält.

Spielberg ist damit der ideale Mann für diese Verfilmung – und doch wieder nicht. Denn Dahl hat auch in seinen Kinderbüchern düstere Welten erschaffen, die eher einem Tim Burton (in der Dahl-Verfilmung „Charlie und die Schokoladenfabrik“) oder einem Wes Anderson (in Dahls „Der fantastische Mr. Fox“) entsprechen. Spielberg hat hier zudem erstmals mit Disney zusammengearbeitet, jenes Studio, das seinen Feenzauber bekanntlich schon im Vorspann über alle Filme ergießt und von jeher alles allzu Abgründige, Finstere familiengerecht glattbügelt.

Spielberg weiß mit seinem bewährten Stab Dahls Welt adäquat auf die Leinwand zu zaubern. Die wunderlich falsche Sprache der Riesen namens Gobblefunk wurde weitestgehend beibehalten – vielleicht der herrlichste Filmsoziolekt seit „Uhrwerk Orange“. Und hinter dem BFG steckt Mark Rylance, der für Spielbergs letzten Film „Bridge of Spies“ einen Oscar gewann. Auch wenn der hinter all der digitalen Nachbearbeitung kaum zu erkennen ist.

Dass die Szenen zwischen dem Neun-Meter-Mann und dem Dreikäsehoch so gut funktionieren, liegt vor allem daran, dass Spielberg nicht wie üblich vor leeren Green Screens drehte, sondern eine Hybridform entwickelte, um echtes Spiel und Digitaleffekte weitestmöglich gleichzeitig einzufangen.

Der Neuentdeckung Ruby Barnhill aber fehlt der Liebreiz einer Drew Barrymore in „E.T.“, ihre Sophie geht einem mit ihrer ständigen Besserwisserei zuweilen sogar ein bisschen auf die Nerven. Und dann findet Spielberg nie so ikonische Bilder wie jenes des durch den Mond radelnden Jungen, woran wir auf immer „E.T.“ erkennen werden.

Am Ende zu militant

Hübsch immerhin, wie die Kleine und der Große schließlich die britische Queen (Penelope Wilton aus „Down­ton Abbey“) überzeugen wollen, gegen die bösen Riesen vorzugehen. Da wird noch mal ein altes, märchenhaftes England-Bild heraufbeschworen, das mit dem Brexit jäh dahin ist, dem man sich aber umso lieber hingibt. Nur merkwürdig, wie dann am Ende Soldaten ins Land der Riesen geschickt werden, um deren Treiben zu beenden. Ein Kommentar auf den Krieg gegen den Terror? Da bricht plötzlich ein militanter Misston durch, der so gar nicht kind-, auch nicht spielberggerecht ist und der dem pazifistischen Grundton von „E.T.“ diametral widerspricht.

Ausgerechnet bei einem seiner Lieblingsprojekte ist Spielberg – vielleicht aus Respekt vor Dahl, aus Respekt vor der Vorlage – unter seinen Möglichkeiten geblieben. Wie schade. Der Film mit den drei Buchstaben ist zwar ein Riesen-Spaß, bleibt aber doch Siebenmeilenschritte weit hinter dem Film mit den zwei Buchstaben zurück.

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