Kultur

Schöne Kindheit, schlimme Kindheit

Die Sommerausstellung auf Schloss Roskow zeigt, was es bedeutet, in diesem Jahrhundert aufzuwachsen

In weiße Laken gehüllt liegen jugendliche Gestalten im Schlaf versunken da. Fast dreidimensional und sehr lebendig wirken die schwarz-weißen Bilder. Diese wiederum liegen auf Kissen aus Gips und Leim – kein weiches Bett für die Schlummernden. Im großen Saal von Schloss Roskow in Brandenburg hat die Installation des kubanisch-amerikanische Künstlers Anthony Goicolea die Anmutung eines Dornröschenschlafs. Doch Goicolea setzt sich mit der Adoleszenz auseinander – ein traumverlorener Schwebezustand.

Die poetisch-schöne Inszenierung ist der Auftakt zu der Ausstellung der XXII. Rohkunstbau, die sich in diesem Jahr unter dem Titel „Zwischen den Welten – Between the Worlds“ mit dem Kindsein beschäftigt. Wie jedes Jahr versammelt die Schau, die stets in ländlichen Regionen Brandenburgs stattfindet und gesellschaftlich relevante Themen beleuchtet, internationale zeitgenössische Künstler. Mit Zeichnung, Malerei, Skulptur, Installation, Film und Konzeptkunst sind diesmal 11 Künstler vertreten.

Den klaren Blick dafür, wie sehr die Kindheit in Zeiten von Krieg und Migration auf der ganzen Welt bedroht ist, haben zwei syrische Künstler. Hamid Sulaiman setzt sich über seine eindrucksvollen Zeichnungen damit auseinander, Ammar Al-Beik bedient sich in seinem Film „La dolce Siria“ der von Federico Fellini inspirierten Groteske, um den Wahnsinn in seinem Heimatland zu fassen. Auch in China steht es mit der Kindheit nicht zum Besten, wie der knallbunte Mini-Shop der chinesischen Konzeptkünstlerin Jia zeigt. In provisorischen Metallregalen präsentiert sie chinesische Nudelpackungen, kleine Figuren aus Knetgummi, Süßigkeiten und Kinderzeichnungen, alle hergestellt von Waisenkindern aus einer chinesischen Grenzprovinz. Im dortigen Drogenanbau verlieren viele Kinder ihre Eltern an die Sucht.

Ganz nah kommt uns das Thema Kindheit in zwei anderen Arbeiten. Arne Schreiber verarbeitet seine Kindheit in der DDR mit Sommerurlauben an der Ostsee über zwei Siebdrucke von Standbildern aus den 8mm-Filmen seines Vaters, die er mit schwarzen Linien überzieht. Clemens Krauss nähert sich dem Thema Kindheit ganz wunderbar mit den Mitteln des Films. In Tel Aviv hat er fünf jüdische Frauen, die in Berlin aufgewachsen und mittlerweile an die 90 Jahre alt sind, auf ihre Kindheit befragt. Mit viel Heiterkeit erinnern sie sich auf Deutsch an die schönen Tage im Berlin der 20er- und 30er-Jahre, an die unbeschwerte Zeit vor ihrer Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Erst nach und nach mischen sich ernstere Töne darunter.

In diesem Jahr lohnt sich der Besuch auf Schloss Roskow besonders. Die Arbeiten sind vielseitig, komplex, innovativ und von Kurator Mark Gisbourne wunderbar in den Räumen des alten Schlosses arrangiert.

XXII. Rohkunstbau: Zwischen den Welten.
Im Schloss Roskow vom 9. Juli bis 18. September, Sa+So 12–18 Uhr.