Theater in Berlin

Frank der Punk - Tim Renner gratuliert Frank Castorf zum 65.

Über die Zukunft der Volksbühne wird heftig gestritten. Heute feiert Frank Castorf 65. Kulturstaatssekretär Tim Renner gratuliert.

Er prägte über Jahrzehnte die Volksbühne und die deutsche Theaterlandschaft, nun geht seine Intendanz zu Ende: Frank Castorf

Er prägte über Jahrzehnte die Volksbühne und die deutsche Theaterlandschaft, nun geht seine Intendanz zu Ende: Frank Castorf

Foto: imago stock&people / imago/Mauersberger

Geburtstage sind immer so eine Sache. Man kann sich nicht aussuchen, wie einem gratuliert wird und von wem. Vielleicht denkt Frank Castorf jetzt bereits „Fuck Off“, aber genau das würde zu dieser, meiner ganz persönlichen Gratulation passen. Denn in Frank Castorf habe ich immer einen Punk erkannt. Im Geist, von der Haltung her. Er wuchs in Berlin-Prenzlauer Berg auf, Hauptstadt der DDR, Lichtjahre entfernt von meinem Hamburg-Poppenbüttel. Im Osten erlangte Punk nie die Wirkungsmacht wie im Westen. Hier wurde er nie schick und hat sich auch nicht als New Wave kultiviert.

Um all das wird sich Castorf nicht scheren. Er ist nicht der Typ, der Teil einer Jugendbewegung sein will. Er will sie anführen. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wurde seine Bewegung. Er hat sie weltberühmt gemacht. Und ist dabei zu einem der wichtigsten deutschen Künstler aufgestiegen. Ohne Kuschelkurs und ohne Kotau. Frank blieb Punk: Herzlichen Glückwunsch zum 65. Geburtstag!

Der Gratuant: Kulturstaatssekretär Tim Renner Reto Klar

Punk ist viel mehr als Musik, Klamotten und Umsonstwohnen. Zum einen hat Punk das Neinsagen kultiviert. Zum andern musste man als Punk lernen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und auf etablierte Marktgesetze zu pfeifen. Verständlichkeit und Vermittlung traten in die zweite Reihe. In der ersten saßen, nein, standen: Intensität, Kraft, Autonomie. Wer in den letzten 24 Jahren je in einer Inszenierung von Frank Castorf war, weiß, was gemeint ist – und hat gemerkt: Punk lebt nicht zwingend im Keller oder im besetzten Haus weiter, sondern vielleicht auch im mit 18 Millionen Euro subventionierten Theater.

Was die Volksbühne und Punk weiter verbindet, ist der Spaß. Am Krawall, an der Kunst, an beidem. Castorf ist einer der wenigen deutschen Intellektuellen, die aus der Lust am Körperlichen und am Quatsch nie einen Hehl gemacht haben. Hintern und Hirn, ein seltenes Paar in unserem Land. Der Studienabschluss in Theaterwissenschaft an der Humboldt Universität 1976 – Note „sehr gut“ – stand ihm, dem „Leibesentfessler“, nicht im Weg. Kann sein, dass in dieser Mischung die Ost-Erfahrung weitergereicht wurde. Im Westen zeigte die Allianz aus Theorie und Tanz bereits Zerfallserscheinungen, als Castorf und Co. 1992 die Volksbühne in die neue Zeit führen sollten.

Zusammendenken, was nicht zusammen gehört

Und neu war es auf jeden Fall, was fortan am Rosa-Luxemburg-Platz zu sehen war. Während die Theater im Osten ihre alte Rolle gerade verloren hatten, perfektionierten die Theater im Westen das Einfühlungstheater mit vielen Lufthansa-Schauspielern, die über den Wolken Text lernten. Das ist ungerecht, aber etwa so haben es selbst die Besten unter ihnen erlebt, wie der Schauspieler Ulrich Matthes im März dieses Jahres so schön beschrieb in seiner Rede für den Großen Kunstpreis, den das Land Berlin an Castorf verlieh. In der Schockstarre der Nachwendezeit erschien das Neue nur in der Volksbühne.

Seit Jahren habe ich das Gefühl, dass jede zweite Theaterkritik das Gesamtwerk verteidigt. Wie ein Nachruf. Allein: Frank is not dead. Und die Textfassungen waren für mich nie das Wichtigste, ich halte das Castorf-Theater auch für ein Ereignis jenseits des deutschen Dramaturgenfleißes. „A Clockwork Orange“, 1993 in der Volksbühne, war keine poppige Bearbeitung des Kultfilmes über die Gewalt der Erziehung, sondern Hass auf Helmut Kohl und Rückblick auf Stalins Schauprozesse.

Castorf funktioniert auch aushäusig

Zusammendenken, was nicht zusammengehört. Großartig, ätzend. Aber die meisten erinnern sich eher an die Furzgeräusche aus den Armbeugen, mit denen Beethovens „Freude Schöner Götterfunken“ vertont wurde. Das war viel schräger, viel mehr Punk als Bernd Schadenwalds Idee, in seiner Adaption des selben Stoffes die Toten Hosen „Hier kommt Alex“ singen zu lassen.

Castorf funktioniert auch aushäusig, jenseits von Berlin und der Volksbühne. Man versteht ihn dann nur anders, manchmal auch nur zum Teil. So zum Beispiel vor ziemlich genau 20 Jahren im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Dort inszenierte Castorf Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti!“ . Puntila war Westler, Matti Ostler. Und „Der Spiegel“ schrieb von „mancherlei Gesängen aus der Pop- und Arbeiterklasse“. Politik und Musik waren mit einem Bindestrich verbunden, da hatte die Kritik Recht, auch wenn Pop wenig mit „Gesängen“ im Sinne der Gewerkschaften zu tun hat. Den Ost-Furor Castorfs habe ich im Detail selten verstanden, das musste ich gar nicht. Es reichte mitzukriegen, dass einer die Wiedervereinigung nicht gleich abhakte.

Die Trainspotter von Castorf

Sicher hatte die Volksbühne auch Kunden wie mich auf dem Schirm, als Castorf erneut einen Film aus der Popkultur inszenierte, „Trainspotting“ nach Irvine Welsh. Aber wichtiger als das clevere Zielgruppenmarketing – mit Konzerten, Kongressen, Partys und Events aller Art -, ist die Art und Weise, wie in der Volksbühne gespielt wurde. Die Trainspotter von Castorf waren eben keine normalen Schauspieler.

Was da in hohem Tempo durch Leute wie Hendrik Arnst, Kathrin Angerer und Peter René Lüdicke rauschte, war mehr als Text. Es war Strom. Obwohl manche schon in der DDR-Provinz mit Castorf gearbeitet und Bühnenerfahrung hatten, klang es überzeugend nach Punk. Bei Castorf haben die Schauspieler den Begriff davon, was wir heute als Schauspiel bezeichnen, extrem geweitet. So etwas kann wieder passieren. Das hoffe ich.

Einen Punk sollte man nicht zu Tode lieben. Ich verschweige nicht, dass ich auch die zwei Arbeiten von Castorf absaß, die die gut sechsjährige Talsohle der Volksbühne einklammern. „Kokain“ und „Die Soldaten“, 2004 und 2010. Dazwischen lagen die Krisenjahre. Marthaler war aus Berlin verschwunden, Schlingensief wandte sich andern Projekten zu.

Castorf wird bleiben

Die Rückkehr von Herbert Fritsch als Regisseur stand noch aus. Es blieb fast nur René Pollesch. Das Ensemble zerbröselte, die Auslastung sank. Doch die Stadt hielt zu Castorf, verlängerte seinen Vertrag – während einige mit der Volksbühne sehr hart ins Gericht gingen, die heute eine Ablösung nach 25 Jahren als kulturpolitischen Kahlschlag beschreiben.

Bei der Feier zum 100-jährigen Geburtstag der Volksbühne im Dezember 2014 sagte ich: „Frank Castorf hat aus dem Haus sein persönliches Bayreuth gemacht und deshalb wird man hier auch 100 Jahre Castorf feiern“. Dazu stehe ich noch heute, auch wenn ich dafür verantwortlich bin, dass die Ära Castorf AN DIESEM HAUSE im Herbst 2017 enden wird. Der Satz bedeutete nicht eine Zusage auf lebenslange Beschäftigung. 100 Jahre Castorf: Frank is not dead, Punk is not dead. Castorf wird bleiben. Als ich Christoph Schlingensief vor Jahren einmal damit hochnahm, dass ich ihn zum einzig logischen Castorf-Nachfolger erklärte, sagte er ernst: „Ich bin doch nicht lebensmüde!“

Die Wahl von Dercon vermeidet jeden Vergleich

In Castorfs Fußstapfen zu treten ist ein Himmelfahrtskommando. Das wollten wir vermeiden, deshalb erschien uns eine Nachfolge aus Franks künstlerischem Umfeld als die falsche Lösung. Also kein Fritsch, kein Pollesch. Nicht weil wir sie nicht lieben. Im Gegenteil, wir verehren sie und wollen sie vor dem Vergleich schützen. Die Wahl von Chris Dercon vermeidet jedoch den direkten Wettbewerb, weil die Volksbühne damit etwas Neues wagen soll.

Man kann nicht sagen, dass es uns gut gelungen ist, diese Änderung des Modells zu kommunizieren. Vielleicht kann Kommunikation auch nicht mehr viel ausrichten, wenn Unwahrheiten in Umlauf gesetzt werden, wenn Zahlen über angebliche Entlassungen ungeprüft auf Titelseiten wandern. Was ist aus dem guten alten Telefon geworden? Digital ist nicht immer besser, das weiß man nirgends so gut wie im Theater.

Künstler seines Ranges kennen kein Pensionsalter

Aber am Ende des Tages ist auch das Punk: Im Zorn gehen, unversöhnlich sein. Den Widerstreit muss man persönlich aushalten, auch das hat Castorf im eigenen Haus oft erkannt und Regisseure zugelassen, die er nicht alle mochte und die seine vielen Dramaturgen durchsetzen mussten. Ich hoffe, dass Castorf diese Offenheit und Fairness auch für seinen Nachfolger gelten lässt.

Künstler vom Range eines Frank Castorf kennen kein Pensionsalter. Sie werden uns nicht verloren gehen. Auch nicht in Berlin. Wie ich höre, ist der erste Vertrag von ihm bereits an einem unserer Häuser unterzeichnet worden. Schließlich haben wir außer der Volksbühne noch weitere exzellente Sprechtheater, die sich alle um einen Castorf reißen.

Sollte er mal am BE inszenieren, werden wir es vorher ausräuchern. Da wohnt Peymanns Geist. Peymann, der Castorf beistand im Streit um Dercon. Peymann, dem Castorf bei einem Abendessen, als ich ihn zum ersten Mal sah, ins Gesicht sagte: „Bevor ich hier überhaupt irgendetwas sage, möchte ich erstmal zu Protokoll geben, wie sehr ich Claus Peymann und seine Arbeit verabscheue…“. Johnny Rotten von den Sex Pistols hätte es nicht besser hingekriegt.