Ausstellung

Flucht und Freiheit

Die Schau „Gegenstimmen“ im Gropius-Bau zeigt, wie widerständig Kunst jenseits der Staatsmacht sein konnte

Er durfte das Bild nicht ausstellen: Jürgen Schäfers „Umarmung“  (Ausschnitt), entstanden 1989

Er durfte das Bild nicht ausstellen: Jürgen Schäfers „Umarmung“ (Ausschnitt), entstanden 1989

Foto: Eric Tschernow / BM

Am Anfang ist die Lupe. Wir beugen uns über lauter Briefmarken – darauf zu sehen sind Gemälde von Bernhard Heisig und Willi Sitte. Die Ikonen der DDR-Kunst in Briefmarkenformat – sie taugten einst als Propaganda. Zumal, wenn die Briefe dann auch in den Westen flatterten. 27 Jahren nach der Wende dient dieser kuratorische Schlenker dazu, die Umkehrung der Größenverhältnisse von einst zu zeigen.

"Gegenstimmen" heißt die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die Kunst in der DDR von 1976 bis 1989 versammelt. Dreh- und Angelpunkt ist das Jahr 1976, als Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert wurde. Die Künstler solidarisierten und politisierten sich, die Kunst-, Literatur- und Musikszene war im vehementen Aufbruch. Genau dieses Datum sehen die Kuratoren Eugen Blume und Christoph Tannert als die Zäsur in der Kunstproduktion der DDR, die es neu zu beleuchten gilt. Stärker als die herkömmlichen Wegmarken 1949, 1953 und 1961.

80 Künstler sind mit rund160 Werken vertreten

Rund 300 Künstler aus unterschiedlichen Generationen gehören zu diesen "Gegenstimmen", 80 bekommen im Gropius-Bau ihre Bühne, also knapp ein Drittel. 25 Prozent dieser Künstler, so schätzt Christoph Tannert sind damals ausgereist. Viele der Künstler wie A. R. Penck, Cornelia Schleime oder Via Lewandowsky sind heute gut auf dem Kunstmarkt vertreten, hängen in Museen oder sind in Privatsammlungen.

Viele aber sind unbekannt, weil sie zu DDR-Zeiten nicht ausstellen konnten, in die innere Emigration gingen. Also für den "Eigenbedarf" malten, wie Jürgen Schäfer in seinem Statement schreibt. Ob das Ironie ist? Man weiß es nicht. Sein zwei Meter großes Ölgemälde dürfte niemand kennen, dafür ist es umso wuchtiger. Ein gesichtsloser Mensch in einer gewaltigen, schwarzen Rüstung umgreift den Hals eines Raben. Es ist nicht ganz klar, ob er den Vogel würgt oder ob er mit ihm fliegen möchte und ihn deshalb umklammert. Im Hintergrund sieht man viele flammend rote Trümmerteile, die sich auftürmen. Entstanden? 1989.

Nach der Biermann-Ausweisung gab es drei Reaktionen unter den Künstlern: die innere Emigration, Ausreise in den Westen oder eben den Widerstand, den Protest mit Aufbau eigener Strukturen, etwa unter dem Dach der Kirche, in Gruppen und in der Bürgerbewegung. Über zehn Räume mäandert die Schau – Dresden, Leipzig, Ost-Berlin, dort waren die Zentren des Protests, von der Stasi bestens observiert. Allerdings geht die Ausstellung nicht chronologisch oder nach Schulen vor.

Dafür ist jedem Werk ein Statement des jeweiligen Künstlers beigestellt, in dem er seine Beweggründe schildert. "Das gibt Sentiment wieder", findet Tannert. Eine historische Folie fehlt – leider. So manchem jungen Besucher, der die DDR nie erlebt hat, wird diese Einbettung fehlen. Dafür, so sagen die Kuratoren, gäbe es einen Katalog. Der ist tatsächlich sehr gut und informativ und dazu knapp 600 Seiten dick, das werden die wenigsten sich zumuten. Da muss man ehrlich sein.

Die Ausstellung zeigt, wie die DDR-Funktionäre auf unterschiedlichste Art unterlaufen wurden: laut, leise, subtil, überplakativ, expressiv, figürlich, abstrakt, dokumentarisch und performativ. Angst, Flucht, Freiheit – diese Themen spielen eine dominante Rolle. Klaus Killisch zeigt den "Mann vor der Mauer" (1988) und Trak Wendisch einen "Mann mit Koffer" (1983). Hans-Hendrik Grimmling versucht auf vier Leinwandmetern, einige nackte Männer mit Hilfe von großen Vögeln zum Fliegen zu bringen.

Welche Stärke Widerstand voraussetzt, macht die "Karriere" von Wasja Götze deutlich. Nach seiner Unterschrift gegen die Biermann-Ausbürgerung stand auch er im Visier der Stasi. Kein Wunder, dass sein 1978 entstandenes "Stilleben mit ungebetenem Gast" (ein Stasi-Mann als Schatten) in keine Ausstellung fand. Von der Pop-Art inspiriert, galt seine Kunst den Funktionären ohnehin als ein Dorn im Auge.

Seine Werke wurden verboten, also ignoriert. "Ich respektierte diesen Tatbestand und malte weiter", beschreibt der Künstler seine Haltung. Aus heutiger Sicht muten viele der Motive sehr plakativ an, für den DDR-Machtapparat bedeuteten sie damals eine drastische Provokation.

Tannert weiß, dass die Auswahl subjektiv ist, er hat bereits empörte Anrufe bekommen von Künstlern, die hier keinen Platz bekommen haben. Eins liegt ihm besonders am Herzen, der "Geschichtsklitterung" so mancher DDR-Ausstellungen wie beispielsweise "Der Abschied Ikarus" eine Absage zu erteilen. Dort war Staatskunst von Willi Sitte neben der Subkultur zu sehen, so, als ob zu DDR-Zeiten beide Sphären gleichberechtigt gewesen wären.

Die Ausstellung wird von einen reichen Programm begleitet, ebenso organisiert von der deutschen Gesellschaft. Heute wird sich das Symposium "Gegenstimmen" damit beschäftigen, welche Folgen die Teilung für die Kunst hatte. Wolf Biermann war als Ehrengast geladen – er hat abgesagt. Im Herbst will er seine Memoiren in Berlin vorstellen. Das ist jetzt sein Ziel.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Mi–Mo 10–19 Uhr. Führungen: 24. Juli.

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