Kultur

Betörende Wehmut

Philippe Jarousskys letztes Konzert als Artist in Residence im Konzerthaus gefeiert

Kein Husten, kein Rascheln, kein Handyton. 80 Minuten genießerische Stille breiten sich im Konzerthaus aus, danach bricht lautstarke Begeisterung hervor. Der Anlass: Philippe Jarousskys letzter Abend als Artist in Residence am Gendarmenmarkt. Es ist ein Abend, an dem der Star-Countertenor zu den Wurzeln seines Erfolges zurückkehrt, zum italienischen Frühbarock – nachdem er sich in den Konzerthaus-Monaten zuvor vielseitig gezeigt hatte.

Das Publikum lernte Jaroussky nicht nur als Interpreten zeitgenössischer Musik kennen, es erlebte auch sein Debüt mit deutschsprachigem Repertoire. Kantaten von Bach und Telemann standen im Dezember auf dem Programm, mit denen Jaroussky nicht wirklich überzeugen konnte – jedenfalls nicht, wenn man seine überragenden Leistungen im italienischen Opernrepertoire des 17. Jahrhunderts zum Maßstab nimmt. Zur Freude seiner Fans verabschiedet sich der 38-Jährige nun mit eben diesem Repertoire. Und wieder hat Jaroussky allerlei Schätze ausgegraben: Rezitative und Arien einstiger italienischer Operngroßmeister wie Cesti und Cavalli, Rossi und Legrenzi. Kastratenrepertoire, das heutzutage kaum noch jemand kennen würde, wenn es nicht die unermüdliche Alte Musik-Bewegung gäbe – und nicht zuletzt wegen Countertenören wie Jaroussky. Für den italienischen Frühbarock ist das ein Glücksfall: Denn diese Werke, die für Außenstehende auf dem Papier manchmal unspektakulär aussehen mögen, leben vom Einfallsreichtum der Interpreten.

Doch obwohl Jaroussky und seine Begleiter, das 11-köpfige Begleitensemble Artaserse, zu Beginn des Abends noch nicht jenes berückende Ganze bilden: Beim Publikum herrschen reine Glücksgefühle. Schon deswegen, weil dieses Konzert überhaupt stattfindet. Denn Ende Juni hatte der französische Countertenor seinen Auftritt krankheitsbedingt absagen müssen. Dass der Abend nun zwei Wochen später nachgeholt wird, ist keine Selbstverständlichkeit.

Es sind zurückhaltende Musiker, die Jaroussky im Konzerthaus um sich versammelt hat. Bemerkenswert die Continuo-Gruppe: leicht und gleichmütig die Streicherbässe, darüber ein solides, verhältnismäßig auffälliges Cembalo. Die Bläser lassen das Herz der Liebhaber historischer Instrumente besonders hoch schlagen: Sie entlocken ihren gebogenen Flöten, sogenannten Zinken, betörende Wehmut. Jaroussky singt unterdessen von Liebesqualen und Todessehnsüchten, von ruhmreichem Kampf und stillem Frieden. Mit kurzen instrumentalen Nummern, Rezitativen und Arien im pausenlosen Wechsel.