Film

Maren Ade: „Ich habe erst mal nichts mehr zu sagen“

In Cannes wurde sie als deutsches Filmwunder gehandelt. Doch Maren Ade bleibt auf dem Teppich. Und legt jetzt erst mal eine Pause ein.

Maren Ade. PR-Foto kostenlos von filmpresskit.

Maren Ade. PR-Foto kostenlos von filmpresskit.

Foto: William Minke / BM

Nach Cannes ist sie erst mal in Urlaub gefahren. Das war auch nötig. Mitten in der Postproduction zu ihrem Film „Toni Erdmann“ ist Maren Ade zum zweiten Mal Mutter geworden. Die Familie aber ist über den Film etwas zu kurz gekommen. Das wollte sie dann nachholen. Und das musste ja auch alles erst mal sacken, was da so passiert ist in Cannes.

Sieben Jahre lang ist auf dem Filmfestival kein deutscher Beitrag gelaufen. Dann kam „Toni Erdmann“, und die Welt hat gelacht, obwohl man den Deutschen sonst jeden Humor abspricht, die Welt hat auch geweint, es gab Beifall noch während der Vorführung und dann die internationalen Lobeshymnen. Von „Le Monde“ bis „Variety“ waren alle begeistert von dem deutschen Filmwunder.

Von Cannes ist die Regisseurin mehr als zufrieden

Erstmals seit 32 Jahren, seit Wim Wenders’ „Paris, Texas“ schien ein deutscher Beitrag wieder Chancen auf die Goldene Palme zu haben. Das hat am Ende doch nicht geklappt. „Toni Erdmann“ ging sogar gänzlich preislos nach Hause. Der Film bleibt trotzdem als die Sensation des Festivals in Erinnerung. Und Maren Ade, der all das fast schon unheimlich war, scheint das auch nicht schlimm zu finden. Sie freut vielmehr, dass der Film sich noch während des Festivals in die ganze Welt verkauft hat. „Wir sind“, so die 39-Jährige so überwältigt wie bescheiden, „mehr als zufrieden.“

Dabei ist Ade ja, wie ihr Mann, der Filmregisseur Ulrich Köhler, ein Vertreter der Berliner Schule. Ein vager Begriff für eine neue Generation ambitionierter Autorenfilmer aus dem Umkreis der Deutschen Film- und Fernsehakademie, die für ein anderes, wahrhaftigeres Kino stehen. Die Werke von Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec, sie werden auf allen Festivals herumgereicht. Aber beim deutschen Publikum kommen sie nicht so an. Da gilt die Berliner Schule oft als Synonym für spröde, sperrige Kinokost. Auch da hat Maren Ade nun einen Dammbruch eingeleitet. Weil „Toni Erdmann“ nicht nur beim Fachpublikum ankommt, sondern auch, wie man beim Filmfest in München sehen konnte, beim einfachen Kinokonsument.

„Toni Erdmann“ ist ein Familien- wie ein Generationendrama. Es handelt von einem schrulligen Musiklehrer aus Aachen und seiner ambitionierten Tochter, die in Bukarest arbeitet und nach Shanghai strebt. Ein wirrer Alt-68er und eine eiskalte Karrieristin, die sich nicht viel zu sagen haben. Dass der Vater immer mal wieder künstliche Gebisse, schief sitzende Perücken oder gar Furzkissen einsetzt, um sein Umfeld herauszufordern, ist nicht eben förderlich.

Eine Reise zur Tochter nach Bukarest gerät zum Debakel für beide. Bis der Vater die falschen Zähne und falschen Haare gar nicht mehr ablegt, sondern sich mit der Maskerade als Toni Erdmann ausgibt. Und die Tochter, die das Spiel in der Öffentlichkeit mitspielen muss, durch diese Distanz eine neue Nähe zu ihrem Vater bekommt.

Sieben Jahre Perfektionismus

Sieben Jahre hat Maren Ade an ihrem Film gearbeitet. Man muss dafür auch ihrem Vater danken. Als sie noch Filmpraktikantin war, wurden bei der Premiere der Agentenfilmparodie „Austin Powers“ Plastikgebisse verteilt, wie sie der Titelheld trug. Ade schenkte eins ihrem Vater. Der ging damit zum Zahnarzt – und trieb auch sonst seine Scherze damit. Das war die Grundidee zu „Toni Erdmann“. Auch wenn das Verhältnis zur Tochter glücklicherweise ein besseres ist.

Aber in ihren Filmen, da leiden die Menschen eben immer an dem Unvermögen, in der Welt zu bestehen. Wie in ihrem Erstling „Der Wald vor lauter Bäumen“, der 2005 in Sundance lief. Wie „Alle anderen“, der auf der Berlinale 2009 zwei Silberne Bären gewann und in dem sich die Theatermimen Birgit Minichmayr und Lars Eidinger eine Beziehungskrise voller Peinlichkeiten liefern. Und wie jetzt das Vater-Tochter-Drama mit den großartigen Mimen Sandra Hüller und Peter Simonischek.

Sieben Jahre, das ist lange für einen Film. Aber Ade ist eben eine Perfektionistin. Schon beim Schreiben der Dialoge, dann beim Dreh, wo sie ihre Schauspieler oft 40 Mal dieselbe Szene spielen lässt und 120 Stunden Material aufnahm, und beim Schnitt, der bei „Toni Erdmann“ erst wenige Tage vor der Premiere fertig wurde. Aber als eigene Produzentin kann sie sich das leisten.

Nach „Alle anderen“ hat sich Maren Ade erst mal zurückgezogen. Sie wollte so lange verschwinden, bis sich kaum noch jemand an sie erinnert. Um umso mehr zu überraschen. Das hat sie sich auch jetzt vorgenommen. Gestern Abend hat sie noch die Berlin-Premiere ihres Films absolviert. Ab heute läuft er im Kino. Und sie taucht wieder ab. „Ich werde mir da wirklich Zeit lassen“, sagt die Berlinerin. „Ich habe auch erst mal nichts mehr zu sagen.“