Kultur

Träume in kräftigen Farben

Die Berlinische Galerie zeigt Bilder von drei Künstlern, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts vergeblich auf eine bessere Zukunft hofften

Schnabel statt Lippen, blaue Haut, gelbe Haare, Ohren so groß wie Teller. Solche Kreaturen, die es eigentlich nur in Träumen gibt, und die schon beim Aufwachen verblassen, hat der Architekt und Maler Paul Goesch (1885–1940) auf Papier gebracht. Anfang des letzten Jahrhunderts sind die Fabelwesen aus seiner Fantasie gekrochen. Er malte sie in so kräftigen Farben, dass die ihnen ein bisschen den Grusel nehmen. Aber wohl nur den des Betrachters.

Denn Goeschs Malerei – man könnte sie fast Selbsttherapie nennen – half ihm wohl nicht. Goesch wird mehrmals in Psychiatrien behandelt, mit 36 Jahren bleibt er für den Rest seines Lebens in einer Heilanstalt. 80 seiner Gouachen, die er auch in dieser Zeit malt, sind jetzt in der Berlinischen Galerie zu sehen. Blaue Madonnen mit flammenden Haaren, Vogelmänner, Melusinen. Alles ist in Goeschs (Alb-)Träumen möglich. Da unterhalten sich sogar zwei menschengroße Zigarettenstummel mit Händen und Füßen miteinander, räkeln sich lässig im Aschenbecher. Geschöpfe wie diese sind Teil der Ausstellung „Visionäre der Moderne“, die Arbeiten von drei Künstlern versammelt: Neben Goeschs Malereien sind die Zeichnungen des Architekten Bruno Taut (1880–1938) und die Skizzen des Schriftstellers und Künstlers Paul Scheerbart (1863–1915) zu sehen. Der Erste Weltkrieg und die Wirren der Nachkriegszeit ließen sie die Welt mit ihrer Kunst verbessern wollen. „Nur die große Heiterkeit wird siegen. Tanzen und Bauen!“, schreibt Taut 1919 optimistisch an seine Kollegen. Alle drei arbeiten sich an der Zukunft ab. Vergeblich, wie es scheint.

Scheerbart tut es mit Skurrilität. „Der Maler nimmt sich einfach einen Fisch, eine Schnecke und einen Schmetterling und bildet aus diesen drei Wesen ein neues Fabeltier“, schreibt er. Genauso sieht der hier ausgestellte „Luft-Bonaparte“ aus: Eine Schnecke mit dem Kopf eines schnurrbärtigen Riesen, den Tentakeln eines Oktopus, dem Ohr eines Grammofons. Daneben ein fliegender Fisch mit Horn und grimmigem Menschengesicht. Scheerbarts Fantasien erinnern an die fabelähnlichen Wesen, die erst Jahre später die surrealistischen Welten Salvador Dalís bevölkern werden.

Seine Zukunftsversion will Scheerbart aber vor allem mit Architektur aus Glas realisieren. Seine Begeisterung für das Material steckt seinen Freund Bruno Taut an. Dieser widmet ihm daraufhin seinen Glaspavillon, eine direkte Inspiration Scheerbarts. Ein Foto zeigt das verwunschene Glashaus mit dem Kuppeldach auf der Werkbundausstellung 1914 in Köln. „Das bunte Glas zerstört den Hass“, hat Taut auf die Fassade geschrieben. Es bleibt ein Wunsch.

Während des Ersten Weltkriegs schreibt Taut eine Theorie zur Glasarchitektur. Sie entpuppt sich als ein Antikriegsmanifest, einige Teile sind in der Ausstellung zu sehen. Er wollte die Alpen mit Glas überziehen, um bei seinen Zeitgenossen die Freude an der Schönheit zu wecken, „sodass jede Ausschweifung ins Bösartige unmöglich wird“. In 30 Bauzeichnungen entwirft er eine eigene Gebirgslandschaft. Berge glitzern da wie riesengroße Diamanten in der Sonne, kilometerlange Glasbahnen mäandern Gebirgsflüssen gleich durch die Gletschertäler, reflektieren den Schnee in Regenbogenfarben.

Paul Goesch, auch ein Freund Tauts, malte noch 1926 einen lächelnden Mann mit menschengroßem Zylinder auf dem Kopf. „M’im Zylinder auf dem Kopp kommt man durch das ganze Mob“, nannte er sein Bild. Auch ein Wunsch, der sich nie erfüllen sollte. Goeschs Figuren werden wenig später als Teil der berüchtigten Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Goesch selbst wird 1940 in einer Brandenburger Psychiatrie zum Opfer der Euthanasie-Morde.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128. Mi. bis Mo. 19–18 Uhr. Bis 31.10.