Kultur

New Yorks eigenwillige Chronistin

Mehr als nur Dokumentation: Der Martin-Gropius-Bau zeigt das vielseitige Werk der US-Fotografin Berenice Abbott

Vielleicht sind die Fotografien von Berenice Abbotts (1898– 1991) so gut und anders, weil sie von Anfang an auf jegliche Konventionen pfeift und ihren eigenen künstlerischen Weg geht. Am Tag ihres Uniabschlusses lässt sich die junge Amerikanerin mit dem langen Zopf einen Bubikopf schneiden, später wird sie mit ihrer Freundin, der Kunstkritikerin Elizabeth McCausland, zusammenleben. Der Weg führt sie schnurstracks aus der Provinz von Springfield/Ohio nach New York in die Boheme von Greenwich Village. Da passt sie rein.

Sie teilt ihre Wohnung mit der Schriftstellerin Djuna Barnes, lernt Marcel Duchamp und Man Ray kennen. Der exzentrische Künstler geht nach Paris, 1921 ist auch Abbott dort, will eigentlich Bildhauerei studieren. Man Ray sucht einen Assistenten für sein Fotostudio am Montparnasse – und so wechselt Abbott das Medium. Fünf Jahre später eröffnet sie ihre erste Einzelschau in der Pariser Galerie „Au Sacre du Printemps“. Eigenwillige Porträts von Künstlern und Literaten, mehr Psychogramm als Abbild: Prinzessin Murat mit Zigarette im Mundwinkel, James Joyce gedankenverloren, mit schiefem Hut und Schlips, Jean Cocteau mit weißer Maske im Bett, das aussieht wie sein Totenbett. Der Fokus liegt auf den langen, schlanken, femininen Händen des Schriftstellers. Dieses Foto zeigt, wie nah Abbott an den Personen war. Heute zählt sie zu den Fotopionieren des 20. Jahrhunderts. Ihr Oeuvre teilt sich in Architektur, Porträts und Naturwissenschaften. Berühmt geworden aber ist sie durch ihr Projekt „Changing New York“, das zwischen 1935 und 1939 entstand, finanziert durch das Roosevelt-Künstlerprogramm.

Eine Auswahl dieser Serie ist nun im Rahmen der kleinen Ausstellung mit dem schmucklosen Titel „Berenice Abbott – Fotografien“ im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Eine schwarzweiße Chronik der Metropole im Umbruch zu Zeiten der Depression. Kontraste und Übergänge interessieren sie. Hochhäuser gegen historische Bauten, Imbisse, Tankstellen, Bahnhöfe, Arm und Reich, Groß und Klein. Oft wählt sie die Übereckansichten wie beim Flatiron-Gebäude, häufig auch die Vogelperspektive. Die Frau muss absolut schwindelfrei gewesen sein. Von Hochhausterrassen im 55. Stock und Aussichtsplattformen schießt sie beeindruckende Skylines, den Broadway Richtung Battery Park und den Friedhof an der Trinity Church. Gräber sind aus dieser Höhe nicht zu erkennen, nur winzige tanzende Punkte.

Die Fotos sind mehr als reine Dokumentation, durch ihre ungewöhnlichen Perspektiven an der Schnittstelle zur Kunstfotografie. Man Rays Verfremdungseffekte hat sie im Hinterkopf wie auch das „neue Sehen“ der europäischen Avantgarde. „Die Fotografie“, so hat Abbott einmal gesagt, „wird niemals erwachsen, wenn sie andere Medien imitiert. Sie muss ihren eigenen Weg gehen, stets ganz bei sich selbst sein.“ Trotz ihres New York-Erfolges kämpft sie immer wieder um Anerkennung und finanzielle Stabilität, unterrichtet und gibt Fotokurse.

So beginnt sie mit Aufnahmen von wissenschaftlichen Experimenten, entwickelt eine Super-Sight-Kamera. Die Fotografie ist für sie ein „Nachkomme von Wissenschaft und Kunst“. Diese Bilder zeichnen sich durch ihre „mathematische Schönheit“ aus. Seifenblasen ­et- wa, die aussehen wie Silikonkissen, Generatoren wie Kugelskulpturen. Ihre Wissenschaftsfotografie mündet in Aufnahmen, die 1958 für Lehrbücher und Publikationen wie „Magnet“ und „Moton“ bestimmt sind. Doch ganz glücklich wird die Amerikanerin wohl nie: „Die Welt mag keine unabhängigen Frauen. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber es ist mir auch egal.“

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7.
Mi–Mo, 10–19 Uhr. Bis 3. Oktober