Film

Blick in die deutsche Seele: So sieht sich die Nation

Die Deutschen waren aufgerufen, am 20. Juni 2015 einen Film zu drehen. 10.000 haben mitgemacht. Das Ergebnis kommt jetzt ins Kino.

Foto: Warner Bros. Ent. / dpa

Ein junger Mann mit Dreadlocks sitzt auf seinem Ökohof auf einem Kompottklo und sinniert über seine Heimat. „Was ist eigentlich Deutschland für mich?“, fragt er sich. „Deutschland ist auf jeden Fall ein Land mit viel zu vielen Regeln, viel zu viel unnötigen Gesetzen.“ Seine Komposttoilette etwa: Die sei noch keine legale Alternative zu Wasserklos, obwohl mit letzteren täglich Unmengen von wertvollem Süßwasser verunreinigt würden.

Das ist, wenn man so will, eine symptomatische Szene des Kompilationsfilms „Deutschland – dein Selbstporträt“, der am Donnerstag ins Kino kommt. Der ist voll von sehr privaten, manchmal auch etwas zu intimen Einblicken. Und gleichzeitig ein reizvoller Blick auf das, was die Deutschen so an- und umtreibt und was vielleicht, ein großes Wort, die deutsche Seele ist.

Am 20. Juni 2015 greifen 10.000 Deutsche zur Kamera

Vor etwas über einem Jahr, am 20. Juni 2015, dem längsten Sonnabend des Jahres, waren alle Deutschen aufgerufen, Filme über sich und ihr Land zu drehen. Egal wo – ob in der Stadt oder auf dem Land. Egal wie – mit Handy oder professioneller Kamera. Egal worüber. Drei Leitfragen gab man den Laienfilmern mit auf den Weg, nicht als Muss, bloß als Anregung: Was macht dich glücklich? Wovor hast du Angst? Was bedeutet Deutschland für dich?

Über 10.000 Einsendungen gingen so ein. Und Sönke Wortmann – einer der wenigen Filmregisseure, der im Kino für Zuschauermillionen garantiert und mit „Deutschland, ein Sommermärchen“ schon mal einen Film von staatstragendem Format geschaffen hat – Wortmann also wurde damit betraut, aus den über 300 Stunden Material etwas Verwertbares, etwas Aussagekräftiges, etwas Rundes und vielleicht auch Großes zu machen.

Man kennt das schon. Robert von Ackeren hat so etwas bereits 1979 gemacht, für „Deutschland privat“. Damals sendeten die Bürger lauter Super-8-Filme aus dem heimischen Bestand, das war nicht immer ohne Fremdschämen, und manche Hobbyfilmer hätte man besser vor sich selber geschützt. Diesmal aber ist das Anliegen ein anderes, seriöseres.

Man kennt auch das schon. Ridley Scott, der „Alien“- und „Blade Runner“-Regisseur, hat schon mal die ganze Welt aufgerufen, an einem einzigen Tag, damals der 24. Juni 2010, Filmchen zu drehen. Über 80.000 Beiträge aus fast 200 Ländern kamen bei „Life in A Day“ zusammen. Seitdem gab es auch nationale Ableger in Großbritannien, Japan, Italien, Indien, die Ridley Scott auch immer koproduziert hat. Nun ist Deutschland an der Reihe. Germany in a Day.

Es war ein verregneter Tag, dieser 20. Juni 2015. Man glaubte schon nicht mehr an einen Sommer, der später dann doch kommen sollte. Aber trotzdem haben die Deutschen zur Kamera gegriffen. Sönke Wortmann hat das auf gerade mal 99 Minuten komprimiert. Eine Montage, die manchmal sehr banal, oft sehr unterhaltsam und zuweilen auch sehr aufschlussreich ist.

Gegliedert ist das, die Struktur liegt nahe, nach dem Tagesverlauf. Deutschland wacht auf, Deutschland putzt sich die Zähne, rüstet sich für die Arbeit. Themenkomplexe werden abgearbeitet: Deutschland bei der Arbeit – eher selten übrigens, offensichtlich zeigen sich die Deutschen nicht gern bei der Arbeit. Deutschland beim Musizieren – es wird sehr viel konzertiert, gesungen und getanzt in diesem Film.

Deutschland bei seinen Lieblingsbeschäftigungen, im Auto also oder am Handy, seltsamerweise – das überrascht gerade bei dem „Sommermärchen“-Regisseur – kaum beim Fußball. Und die erste Lehre ist schon mal die: Die Deutschen sind viel lustiger, als man es ihnen nachsagt.

Selten ist von Politik die Rede. Der drohende Grexit, damals noch das alles beherrschende Thema, wird angerissen von einer jungen Frau aus Lingen, der es gut gefällt, dass die Deutschen die Griechen unterstützen, „obwohl die „diese Hilfe eigentlich nicht verdient haben“. Eine ältere Frau aus Norderney zeigt in die Ferne, wo seit kurzem 2000 Syrer wohnen, die seien ganz nett und so sollten wir auch nett zu ihnen sein.

Von der Realität überholt

Das Flüchtlingsthema sollte die Griechenland-Krise in diesem Sommer bald als Thema Nummer Eins ablösen, erst als Willkommens-Sommermärchen, dann als Herbstmahr mit brennenden Flüchtlingsheimen und Politagitatoren, die das für sich instrumentalisierten.

Da stand das Film-Projekt eigentlich vor dem Aus. Die nette Kompilationsidee, man hätte sie in jedem Jahr davor austauschbar durchführen können. Aber plötzlich schien sich grundlegend etwas zu wandeln in Deutschland, schien sich die Nation zu spalten. Der Kinostart wurde verschoben, was eine gute Idee war. Denn nun, nachdem der Zustrom nicht mehr ganz so stark ist, ist auch die Aufregung wieder etwas abgeebbt.

Oder lassen sich die Deutschen etwa gar nicht so stark von all den Aufreger-Themen leiten, die die Medien und die Politik umtreiben? Die meisten Filmbeiträge sind überwiegend privater Natur. Da geht es um ganz persönliche Ängste. Aber auch um viele Akte der Freundschaft, des Helfens, der Solidarität. Die Deutschen, sie scheinen insgesamt doch ein ganz nettes Volk zu sein. Wie sinniert ein älterer Brillenträger: „Die Deutschen sind eine Mischkalkulation. Viel Gutes, aber auch Schlechtes.“