Kultur

„Freunde in den Arm nehmen und Fremde küssen“

Mit ihrem neuen Album „Ellipsis“ schreibt die Band Biffy Clyro ein neues Kapitel ihrer Erfolgsstory. Ein nettes Treffen mit Frontmann Simon Neil

Die freundlichste Rockband der Gegenwart ist inzwischen auch eine der erfolgreichsten. Das erzeugt Druck. Nach langem Hadern aber konnte sich Songschreiber Simon Neil aus seinem Gefühlsloch graben. Das siebte Biffy-Clyro-Album „Ellipsis“ ist das starke Resultat einer Rückbesinnung auf das Wesentliche.

Lang war der Abend, und kurz war die Nacht. Bis um 3 Uhr in der Früh lagen Sänger Simon Neil sowie die Zwillinge Ben und James Johnston (alle 36) reihum auf der Couch ihres Berliner Lieblingstätowierers, und jetzt lümmeln sie etwas abgekämpft aber auch sehr stolz in ihrer Designhotel-Sofalandschaft herum und zeigen erst mal, was sie da Neues haben: Geschwungene Linien, die auf Simons Bein beginnen und über James’ Rücken schließlich auf Bens Oberarm ankommen – ein echtes Gemeinschaftstattoo also. „Die Linien dokumentieren unsere enge Verbundenheit und unsere gemeinsame Reise“, erläutert Simon Neil, ein unheimlich zugänglicher und netter Zeitgenosse. „Nichts ist komplett, wenn wir drei nicht zusammen sind.“

Das Trio aus dem schottischen Kilmarnock macht seit 21 Jahren gemeinsam Musik, mit 15 ging das damals schon los. 2002 kam das erste Album, es folgte ein langer, allmählicher und von Enthusiasmus begleiteter Aufstieg. Seit der Single „Mountains“ (2009) und dem epischen Doppelalbum „Opposites“ (2013) ist Biffy Teil der kleinen Riege von Rockbands, die auch mal ein Stadion, immer aber locker die großen Hallen voll bekommt. „Wir sind in diese Position mit der Zeit hineingewachsen“, so Neil. „Ich denke, und da bin ich ausnahmsweise mal ganz unbescheiden, dass wir eine der besten Bands auf der Welt sind. Warum sollten wir also nicht die ganz großen Shows spielen?“ Entscheidend sei jedoch, dass Biffy Clyro „keine Band ist, die man sich distanziert anguckt. Sondern eine Band, bei der man mitgeht, rumspringt, Freunde in den Arm nimmt und Fremde küsst.“ So nahbar wie hier auf dem Sofa, so nahbar sind die drei Schotten eben auch auf der Bühne.

Allerdings war es mal ein ganz schöner Kampf, bis „Ellipsis“ Gestalt annahm. Früh war klar, dass die drei nicht wieder so ein Monumentalwerk wie „Opposites“ raushauen wollten, und auch der Produzentenwechsel stand recht bald fest, da die Band den eingeschlagenen Pfad verlassen und sich mal wieder ein bisschen durchs Gestrüpp kämpfen wollte. Simon Neil: „Wir hatten mit Garth drei zunehmend nach Millionen Dollar klingende Alben gemacht, hätten wir da in Sachen Opulenz noch einen draufgesetzt, wäre das nicht gut gegangen. Wir wollten es uns nicht bequem machen, lieber einen Schritt zurückgehen, viel experimentieren und eine Platte ganz ohne Erfolgsdruck und ein wenig im Geiste unseres Debütalbums aufnehmen“, erzählt Neil.

Nicht alles auf dem mit elf Songs und 38 Spielminuten kürzesten Biffy-Album aller Zeiten klingt so versöhnlich. Das krachende „Wolves Of Winter“ ist ein vertonter Mittelfinger, auch „On A Bang“ ist hart und wütend, während „Small Wishes“ mit ein wenig R&B wie auch Country überrascht und „Friends And Enemies“ mit Kinderchor dem Hörer ein Schauerchen über den Rücken laufen lässt. „Wir wollten, dass die Platte ein bisschen kaputt, ein bisschen grobkörnig, nicht mehr so perfekt klingt“, erzählt Simon Neil.

Versonnen lächelnd schaut der Frontmann rüber zu seinen Kumpels. „Dieses Album ist für uns fast eine Wiedergeburt. Wir haben es geschafft, unsere Probleme auszuräumen, und obwohl wir schon seit Langem Männer sind, fühlen wir uns wieder wie 19-jährige Jungs.“ Dann steht Simon Neil auf und umarmt einen nach dem anderen.

Album „Ellipsis“, 14th Floor Records, 16,99 Euro. Konzert: Max-Schmeling-Halle,
24. Oktober, 20 Uhr.