Kultur

Lauter Fotos und kein Ende

Berlin hat sich zur Stadt für Fotografie entwickelt – das Medium hat längst ein großes Publikum

Rund um den Bahnhof Zoo vollzieht sich ein Wandel. C|O Berlin, die Helmut Newton Foundation und das Museum für Fotografie, die dort ansässigen Fotografie-Institutionen haben mit einer engeren Zusammenarbeit begonnen. Wechselseitige Kuratorenführungen bei den Nachbarn und vergünstigte Eintrittspreise beim wechselseitigen Besuch der Häuser bilden den Auftakt. Ein erster Höhepunkt wird im Frühjahr 2017 eine gemeinsam geplante Ausstellung zum Thema Überwachung sein. Das alles klingt nach mehr. „Mit dem Zuzug von C|O Berlin von Mitte nach City West hat sich gemeinsam mit unserem Museum ein ganz besonderer, deutschlandweit einmaliger Fotocluster am Bahnhof Zoo gebildet“, meint Matthias Harder, Kurator der Helmut Newton Foundation.

Auch Galerien in Berlin haben Anteil am Erfolg

Große Pläne für Berlin als Fotografiestandort gab es um die Jahrtausendwende schon einmal. Da war ein Deutsches Centrum für Photographie (DCP) angedacht. Allein die riesigen Fotografiebestände in der Kunstbibliothek und in anderen Sammlungen des Preußischen Kulturbesitzes legten ein solches Vorhaben nahe. Helmut Newton, der 1920 als Sohn eines jüdischen Knopffabrikanten in Berlin geboren wurde und seine ersten fotografischen Versuche als Lehrling im Studio der Modefotografin Yva unternommen hatte, wollte dem DCP seine Sammlung zur Verfügung stellen. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen gibt es nun das Museum für Fotografie, in dem die Helmut Newton Foundation beheimatet ist.

Die Fotografie wird in Berlin immer stärker, sie ist ein publikumsträchtiges Medium. Die Berlinische Galerie hat sie von Anfang an zu einem Schwerpunkt ihrer Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit gemacht. Die Kollektion des Kreuzberger Hauses umfasst 83.000 Bilder, zählt damit zu den bedeutendsten Sammlungen künstlerischer Fotografie in Deutschland. Seit 1978/79 werden dort herausragende Positionen internationaler Fotografie gesammelt, somit spiegelt die Sammlung die Innovation dieses Mediums von den 1910er-Jahren bis heute. Mit Raoul Hausmann begann 1980 die lange Reihe ihrer Ausstellungen in diesem Bereich, darunter Präsentationen von Klassikern wie Erich Salomon und Friedrich Seidenstücker, aber auch von Größen wie Nan Goldin. Daneben konzentrierte sich das Willy-Brandt-Haus schon früh auf die Fotografie, vor allem mit politischer und sozial engagierter Ausrichtung.

An die lange Tradition Berlins als Fotografiestandort erinnert jedes Mal Gereon Sievernich, der Direktor des Martin-Gropius-Baus, wenn er wieder eine der zahlreichen Ausstellungen in seinem Haus eröffnet. „Schon in den 1920er-Jahren war Berlin eine wichtige Stadt der Fotografie.“ Im Gebäude des Martin-Gropius-Baus, das damals Ehemaliges Kunstgewerbemuseum genannt wurde, fand 1929 die berühmte Ausstellung FiFo („Film und Foto“) des Deutschen Werkbundes statt, mit rund 1000 Fotografien von 200 internationalen Fotografen. „Umso erstaunlicher ist es, dass es so lange gedauert hat, bis Berlin überhaupt wieder eine Stadt für Fotografie geworden ist“, findet Sievernich. Mit mittlerweile 60 Ausstellungen von Richard Avedon, Robert Capa, Cindy Sherman hat der Gropius-Bau entscheidend dazu beigetragen.

Darüber hinaus haben etliche auf das Medium spezialisierte Galerien die Fotografie in Berlin stark gemacht. Die Galerie Argus Fotokunst von Norbert Bunge ist mit 120 Ausstellungen in 20 Jahren eine feste Adresse für klassische Schwarz-Weiß-Fotografie, vor allem die im Westen zunächst wenig bekannte ostdeutsche Fotografie mit Namen wie Arno Fischer und Sibylle Bergemann.

Ab 1997 brachte die von Gert Elfering in der Kantstraße gegründete Galerie Camera Work, die internationalen Namen der Celebrity- und Modefotografie nach Berlin. Sie zeigt Richard Avedon, Helmut Newton und Irving Penn, aber auch Klassiker wie Man Ray. 1999 schließlich zog der Foto-Pionier, der mittlerweile verstorbene Rudolf Kicken, mit seiner Galerie von Köln nach Berlin-Mitte und zeigte künstlerische Fotografie von Rang. „Wir haben die Fotografie nie getrennt von anderen künstlerischen Medien betrachtet“, erzählt seine Frau Annette Kicken, die heute die Galerie leitet. „Als in den 1970er-Jahren das Interesse für Fotografie wieder einsetzte, sprach sie nur eine kleine eingeschworene Gemeinschaft an. Aus diesem Getto wollten wir sie befreien. Heute wird die Fotografie auf Augenhöhe mit anderen Medien betrachtet und auch so ausgestellt und gesammelt.“

Im Jahr 2000 trat ein entscheidender Player auf den Plan: die von dem Fotografen Stephan Erfurt und seinen Mitstreitern in privater Initiative ins Leben gerufene Galerie C|O Berlin. Seither gilt sie als der hippste Ort für Fotografie in der Stadt. Legendär sind nicht nur die Ausstellungen zu Nan Goldin Peter Lindbergh und Sebastião Salgao, auch die Eröffnungspartys haben ihre eigene Qualität. Mit dem Umzug ins Amerika Haus an der Hardenbergstraße und der Konzentration der Fotohäuser rund um den Bahnhof Zoo eröffnen sich neue Möglichkeiten. Und so wird C|O Berlin in diesem Jahr während des Europäischen Monats der Fotografie federführend sein. Zwar zieht er ein internationales Publikum an, so recht überzeugen konnte das Event in den letzten Jahren allerdings nicht. Vielleicht bringt die Kooperation mit C|O Berlin das Festival ja wieder in Schwung.