Konzert

Die Befreiung im Orchestergraben

Die Musiker organisieren sich per Facebook: Das „Expat Philharmonic Orchestra“ verwandelt den „Fidelio“ in einen aktuellen Aufruf zur Freiheit.

Kennen sich aus Studienzeiten: Sopranistin Barbara Krieger und Dirigent Julian Salemkour  im Schiller-Theater

Kennen sich aus Studienzeiten: Sopranistin Barbara Krieger und Dirigent Julian Salemkour im Schiller-Theater

Foto: Christian Kielmann

„Im Vergleich zu vielen konstruierten Regiekonzepten ist das Experiment in seiner Aktualität aufregend für einen Sänger“, sagt die Berliner Sopranistin Barbara Krieger. Sie singt die mutige Leonore in Beethovens Befreiungsoper „Fidelio“, die am Sonntag im Großen Sendesaal des RBB aufgeführt wird. Der Dirigent hingegen findet das Konzept bestürzend. Aber Julien Salemkour, der seit 2011 den Titel Staatskapellmeister der Staatsoper Berlin trägt, wollte es selbst so haben.

Im Autoradio hatte er zufällig einen historischen Beitrag gehört, der den Deutsch-Albaner aufgeschreckt und nicht mehr losgelassen hat. Und so ist die Aufführung des „Fidelio“ dem 100-jährigen Gedenken des „Halbmondlagers“ für muslimische Kriegsgefangene in Wünsdorf bei Berlin gewidmet. Dort wurden während des Ersten Weltkriegs rund 30.000 Internierte für den Djihad im Nahen Osten ausgebildet. „In dem Lager wurde auch die erste Moschee in Deutschland für den religiösen Gebrauch gebaut“, sagt Salemkour. Der Holzbau war in den 20er-Jahren wieder abgerissen worden. Das Ganze ist eine vergessene, verdrängte Geschichte.

Salemkour war Assistent von Barenboim

Im Kapellmeisterzimmer der Staatsoper findet das Gespräch statt. Die Sopranistin Barbara Krieger und der Pianist und Dirigent Julien Salemkour kennen sich noch aus Studienzeiten am Mozarteum Salzburg. Salemkour, der 2001 als Assistent von Daniel Barenboim begann, hat nicht nur die großen Opernaufführungen im Haus geleitet, sondern auch das West-Eastern Divan Orchestra über Jahre hinweg begleitet. Demnächst leitet er wieder Vorproben für die Sommertournee des Wedo, einem Orchester, in dem junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern gemeinsam spielen. Salemkour kennt sich aus mit heterogenen, in sich zerrissenen Klangkörpern.

Beim „Fidelio“-Orchester gibt es personelle Überschneidungen zum Wedo, aber es ist mehrheitlich mit syrischen Musikern besetzt. Dazu kommen Palästinenser, Spanier, einige Rumänen. Es seien einige, die in Deutschland studieren, und vom Krieg in Syrien überrascht wurden. Andere blieben aus politischen Gründen hier hängen, sagt Salemkour, und es seien auch Flüchtlinge darunter. Derzeit seien viele klassische Musiker in der Diaspora unterwegs, sagt der Dirigent, auch das Expat Philharmonic Orchestra wäre eine Art Netzwerk.

Es ist auch ein Facebook-Orchester. Alles findet sich auf Zuruf. Gegründet wurde es im Januar 2016 von syrischen Musikern. Zuvor gab es einige Querstände, wie es heißt. Jetzt gibt es verwirrenderweise zwei Orchester mit ähnlichem Namen. Das ursprüngliche, bereits 2015 gegründete Syrian Expat Philharmonic Orchestra wird am 11. September im Konzerthaus auftreten.

Das Expat Philharmonic Orchestra, das jetzt „Fidelio“ im RBB-Sendesaal aufführt, hatte mit einer umjubelten Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie in der Rostocker Nikolaikirche debütiert. „Wir wollten“, sagt Barbara Krieger, die im Konzert mitwirkte, „gemeinsam etwas mit Zuwanderern tun, und nicht nur für sie oder über sie.“

Syrische Musiker seien bekannt für gute Streicher und Klarinettisten, sagt Salemkour, vor allem aber würden viele Musiker mehrere Instrumente spielen können. Politische Diskussionen zur Selbstfindung, wie sie in Barenboims Nahost-Orchester gepflegt werden, gäbe es allerdings im Expat-Orchester nicht. „In Syrien kann der Bürgerkrieg quer durch Familien gehen“, sagt Salemkour: „Auch innerhalb des Orchesters kommen nicht alle aus einem Lager.“ Es gibt Verfolgte vom Assad-Regime ebenso wie Priviligierte. Klassische Musiker haben in Syrien profitiert. Diese Streitthemen werden besser vermieden. Überhaupt geht Angst um unter den Musikern, vor allem um die Familien daheim.

Ein Orchestermusiker beschreibt in einem Video, das zur Inszenierung gehört, die erlittenen Folterungen. Er will anonym bleiben. Der syrische Regisseur Anis Hamdoun, der bei einem Raketenangriff einem Freund helfen wollte und dabei ein Auge verlor, hat all die gestelzten Dialoge im „Fidelio“ rigoros gestrichen. Zitiert werden jetzt historische Figuren wie der deutsche Diplomat Max von Oppenheim, der 1914 dem Deutschen Außenministerium empfahl: „In dem uns aufgedrängten Kampfe gegen England … wird der Islam eine unserer wichtigsten Waffen werden.“

Die heimtückischen Anschläge gehörten zur Strategie im Krieg der Kolonialmächte. Was Salemkour besonders an dem „Halbmondlager“ bestürzt habe, betont er, sei, dass bei der Indoktrinierung der Djihad zu einer individuellen Pflicht umgedeutet wurde. Die seinerzeit entstandenen Schriften haben sich im Nahen Osten verbreitet und wirken bis heute nach.

Eine Berliner Hinterlassenschaft findet sich im Lautarchiv an der Humboldt-Universität. 1650 Aufnahmen sind im Kriegsgefangenenlager gemacht worden. Aufgezeichnet wurden Lieder, Gedichte oder die Dialekte. Im Gegensatz zur deutschen Volksliedtradition werden im Nahen Osten ganze Familiengeschichten und Tragödien erzählt. Ein Dokument aus dem Lautarchiv wird auch im „Fidelio“ zu hören sein. Am Ende der Oper soll es eine überraschende Botschaft geben. „,Fidelio‘ ist eine Utopie“, sagt Salemkour, „alle politischen Gefangenen werden befreit.“ Für den Dirigenten bleibt es „ein ästhetisches Experiment“.

RBB-Sendesaal, Masurenallee 8, Charlottenburg. Sonntag, 18 Uhr