Kultur

Läuse und Hexerei: Eine Reise in die Lutherzeit

Luthers Leibspeise zeugte von seinem eher rustikalen Geschmack. Er mochte nämlich Erbsenbrei mit Brathering, eine eigenwillige Kombination. Die Zubereitung dieses deftigen Essens war für Luthers Frau Käthe aufwendig. Sie musste die Erbsen über Nacht einweichen, dann kochen und salzen, auf einem Blech über dem Feuer dörren und vermahlen. Am Schluss wurden die Erbsen mit Bier verrührt und mit Honig abgeschmeckt. Die Heringe wurden auf Holzspieße gesteckt, in Mehl und Öl gewälzt, über dem Feuer vorgegrillt und erst dann gebraten. Bei Luthers aß man auf plumpen Tellern mit Gabeln, die nur zwei Zinken hatten. Das Messer musste jeder Gast selbst mitbringen.

Solche Alltagseinblicke sind die Stärken von Bruno Preisendörfers Buch über die Lutherzeit „Als unser Deutsch erfunden wurde“. Er nimmt damit das Erfolgsrezept seines Vorgängerwerks über die Goethezeit („Als Deutschland noch nicht Deutschland war“) wieder auf, das 2015 zu einem Überraschungsbestseller wurde. Die Mischung ist diesmal ähnlich: sehr viel Alltags- und Sozialgeschichte, wenig Politisches, viel über „Wollüsterey und Gattenliebe“, Läuse und Kloaken oder die „deutsche Sauferei“, wenig über Kaiser und Fürsten, Kriege und Machtspiele, das Ganze gespeist aus zeitgenössischen Quellen.

So entsteht das Panorama eines Landes auf der Schwelle zur Neuzeit, das in vielem noch mittelalterlich war. Kolumbus hat bereits die Neue Welt entdeckt, der Buchdruck ist erfunden, Kaufleute wie die Fugger operieren wenn nicht global, so doch europaweit. Und während der im Abstieg begriffene Adel auf Raubritterburgen ein erbärmliches Leben führt, findet das aufstrebende Bürgertum zu Selbstbewusstsein.

Andererseits jedoch sind die Menschen in Glauben und Aberglauben gefangen, Himmel und Hölle sind Teil des Alltags, der Teufel, Zauberei und Hexerei gehören zur Wirklichkeit. Wenn das Buttern im Fass misslingt, ist der böse Blick der Nachbarin schuld. Wenn der Regen ausbleibt, war es die Wetterhexe. Selbst der Reformator Luther war von der Existenz des Teufels überzeugt. Dass Hexen für ihren „Schadenzauber“ auf dem Scheiterhaufen büßen mussten, fand damals kaum jemand skandalös.

Glauben und Aberglauben waren auch deshalb so beherrschend, weil das Leben immer und überall gefährdet war. Neben kriegerischen Auseinandersetzungen (Bauernkrieg), wüteten regelmäßig Seuchen wie die Pest oder der „Englische Schweiß“. Preisendörfer gelingt es gut, das damalige Deutschland in seinen faszinierenden, aber auch abstoßenden Aspekten einzufangen. Der Lesbarkeit hätte es gut getan, wenn er die Originalzitate aus dem frühen Neuhochdeutsch – noch dazu oft im Regionaldialekt – ins heutige Deutsch übertragen hätte. Schon die Sprache der Goethezeit ist oft schwer verständlich, um wie viel mehr gilt das für das Deutsch der Reformationszeit, von dem uns 500 Jahre trennen.