Kultur

Ein Polizist kann auch im Urlaub das Ermitteln nicht lassen

Krimi und zugleich ein Gesellschaftsporträt: Mark Billinghams „Zeit zum Sterben“

Eigentlich hat Tom Thorne Urlaub. Sein nicht immer erfreulicher Polizeidienst, den der britische Autor Mark Billingham schon in zahlreichen Romanen beschrieben hat, liegt erst einmal hinter ihm. Anstatt Mörder zu jagen, will er mit seiner Lebensgefährtin Helen wandern gehen. Nur Ruhe, Natur und keine Toten. Aber natürlich kommt alles ganz anders. Aus den Fernsehnachrichten erfahren die beiden, dass ein eher entfernter Kriminalfall eine neue Dramatik bekommen hat. In der Kleinstadt, in der Helen aufgewachsen ist, sind zwei junge Mädchen spurlos verschwunden. Nun ist ein Mann unter dringendem Tat­verdacht festgenommen worden. Zu Helens Entsetzen ist es der Ehemann von ihrer bester Freundin aus alten Schulzeiten.

Kurzerhand fährt Helen zu ihrer alten Freundin, um ihr beizustehen. Thorne fährt mit, weil er nicht weiß, was er sonst machen soll. Er hat ja eigentlich Urlaub. Natürlich ist er viel zu sehr Kriminalpolizist, als dass er sich aus den Ermittlungen heraushalten könnte. Doch als Ortsfremder hat er keine Kompetenzen. Die Polizisten werden nicht müde, Thorne bei diversen Gelegenheiten daran zu erinnern – und auch zu betonen, dass sie Kenntnis haben von seiner unrühmlichen Rolle auf einer einsamen Insel. Diese hatte Billingham, wie Fans der Reihe wissen werden, in seinem vorigen Roman „Der Manipulator“ erzählt. Die Geschichte um den Mehrfachmörder, der aus dem Gefängnis letzte Forderungen an den Polizisten stellt, geriet zu einem echten Psychoduell mit einem furiosen Finale.

In Billinghams neuem Roman „Zeit zum Sterben“ findet sich Thorne wieder in einer merkwürdigen Lage. Denn seine Zweifel wachsen, ob der verhaftete Ehemann tatsächlich die beiden Mädchen entführt haben könnte. Aber er darf offiziell nichts unternehmen und recherchiert nur privat. Eher zufällig gerät der Londoner Kriminalpolizist immer tiefer in die Ermittlungen und erlebt, wozu Verdächtigungen führen können. Der Erfolgsautor Billingham verbindet den Krimi mit einem Gesellschaftsporträt.

Dramatisch wird es vor allem, als die Leiche eines der entführten Mädchen gefunden wird. Thornes Zweifel an der Arbeit seiner Kollegen wächst, aber noch schlimmer wird es für die Familie des Beschuldigten. Sie werden in ihrem Haus von Gaffern belagert, die Zeitungen tun ihr Übriges, um das Leben der Ehefrau und der beiden Kinder zur Hölle zu machen. Und auch die Polizei scheint wenig daran interessiert, einen anderen als den verhafteten Ehemann der Tat zu überführen.

Billingham hat die Geschichte sehr vielschichtig aufgebaut. Thorne ist zwar die Hauptfigur, aber auch seine Freundin, die Frau und Kinder des Beschuldigten, ein entführtes Mädchen und ­sogar der Täter steuern aus ihren Per­spektiven kleine Puzzlestücke zum Gesamtbild bei. Die komplizierte Suche nach der Wahrheit und die unterschiedlichen Herangehensweisen der Polizisten sorgen für viel Spannung. Eine zusätzliche Dimension erhält „Zeit zum Sterben“ durch sein Porträt der Kleinstadt als einer Ansammlung egoistischer und durchgängig unsympathischer Menschen.