Kultur

Ein alter Posaunist erinnert sich an sein Leben

Das Stück „En avant, marche!“ beim Festival „Foreign Affairs“

Holz- und Blechbläser haben eine besondere Nähe zu ihrem Instrument. Schlimm wird es, wenn es eines Tages nicht mehr klappt mit dem Spielen. Die Lippen sind mit ihren konzentrierten Nervenverästelungen sehr empfindlich. Was also spürt der dicke alte Posaunist auf der Bühne der Berliner Festspiele, wenn er sein Instrument – „Da ist irgendwas komisch in meinem Mund“ – aus rätselhaften Gründen, es ist wohl Kehlkopfkrebs, nicht mehr spielen kann? Es muss sich anfühlen wie eine Amputation. Der flämische Schauspieler Wim Opbrouck spielt diesen Posaunisten als trotzigen, wütenden, auch lüsternen Dickschädel, der aus lauter Verzweiflung über den Verlust seiner geliebten Blasmusik ans Becken gewechselt ist und an der heimischen Stereoanlage den Höhepunkt des „Lohengrin“-Vorspiels krachend mitgestaltet. Sein Leben rauscht noch einmal vorbei, das Nicht-mehr-spielen-Können löst eine Begegnung mit sämtlichen Grenzsituationen von leidenschaftlicher Liebe über starke Schmerzen bis zum vorweggenommenen Tod aus.

Der flämische Choreograf Alain Platel, der vor über 30 Jahren „les ballets C de la B“ gründete, präsentiert mit seiner Truppe und dem Stadttheater NTGent das Stück „En avant, marche!“. Gesprochen wird zwar europäisch-vielsprachig, aber eigentlich nicht viel. Mehr wird musiziert, und dies wunderschön. Da ist das aus Gent mitgebrachte hervorragende Blechsextett, aber da ist auch die 30-köpfige Zentralkapelle Berlin: An jedem Ort, wo „En avant, marche!“ bisher gastierte, wurde eine örtliche Blaskapelle dazu gebeten. Und hier beginnt das Stück philosophisch zu werden. Das Kreuzberger Blasorchester tritt nicht, wie es in der traditionsvergessenen Hauptstadt oft das Schicksal von Musikgruppen ist, als spezialistisches Kuriosum einer eigentlich überholten Epoche auf. Nein, in diesem Drama ist das Blech- und Holzblasen der Standard des Bühnenausdrucks. Und so stellt das Blasorchester die Normalität dar, die Menschen- und Klangkulisse. Sie sind Normalos und dürfen sich selbst vorstellen: Online-Marketing-Fachleute, Mathelehrerinnen, Eventmanager, Floristinnen, Ingenieure.

Es ist ein Abend über die Schönheit, Wahrheit und bezaubernde Traurigkeit jener Musik, die man mit Luft und schwingenden Blättern, Rohren, Lippen erzeugen kann. Platel, der Regisseur Frank Van Laecke und der Musikchef Steven Prengels allerdings siedeln diese Klänge nicht im leeren Raum an, sondern zeigen ihre rituelle Verwurzelung – im Karneval, im soldatisch Uniformen, im Trauermarsch. Dies sind die Momente, in denen Schuberts „An die Musik“, Mahlers „Urlicht“ und Verdis „Trovatore“ wirkungsvoll ins Spiel kommen. Großes Theater geschieht – ein minutiös choreografierter magischer Realismus, aber auch ein Theater, das sich aus dem Hier und Jetzt großer alter Musik auf der Bühne entwickelt. Man braucht manchmal nicht viel mehr.