Ausstellung

Seltene Einblicke im Haus am Waldsee

Der Jurist und Kunstförderer Peter Raue zeigt erstmals öffentlich Teile seiner Sammlung im Haus am Waldsee.

Anwalt und Kunstförderer Peter Raue  im Raum mit Objekten und Collagen von Rebecca Horn, mit der er befreundet ist

Anwalt und Kunstförderer Peter Raue im Raum mit Objekten und Collagen von Rebecca Horn, mit der er befreundet ist

Foto: David Heerde

Er stürmt durch die Tür, wie immer eine seiner Fliegen um den Hals, diesmal gestreift, das Einstecktuch trägt rosafarbene Blüten. Peter Raue kann über Dinge so sprechen, dass daraus herrliche Geschichten entstehen. „Ich hatte schlaflose Nächte, weil ich nicht wusste, was mit meinen Werken passiert.“ Diesmal führt er nämlich keine Verhandlung über Werke von Künstlern, die er vertritt, diesmal geht es um die eigene Kunstsammlung – und das ist sehr privat.

Der Künstler Ingo Mittelstaedt stand also vor seiner Haustür und wollte alle seine Kunstwerke checken, „bis ins Schlafzimmer hinein“, erzählt Raue. Was Mittelstaedt da genau mit seiner Kunst wollte – egal, Fragen hätte er nicht gestellt. „Ich habe nur einfach Ja gesagt“, erzählt der Jurist und unermüdliche Berliner Kunstförderer. Mittelstaedt hat 100 Arbeiten ausgewählt, Raue hat ihn gewähren lassen. „Ich hätte bei jedem Bild eh nur gesagt, wie toll es ist.“ Irgendwie komisch sei es dann schon gewesen, als da Löcher an Stellen in der Wohnung entstanden, wo seit Jahren Objekte hängen.

Ein Mix von Kunstpositionen und Alltagsgegenständen

Nun steht Raue also im Haus am Waldsee und lässt zuerst „den Chef sprechen“. Mittelstaedt, Jahrgang 1978, hat alles andere getan, als Raues Sammlung einfach nur zu kuratieren. Er hat sie mit seinen Fotografien und jeder Menge Fundstücken neu arrangiert. In der großen Halle im Haus am Waldsee steht ein riesiges Podest, darauf hat der Fotokünstler ein gigantisches Stillleben aufgestellt: ein Ziegelstein von Beuys liegt da, ein Gestell, das aussieht wie zwei verquere Wäscheständer, ein rosa „Kissenbild“ von Gotthard Graubner, ein fragiles Glasherz von Jakob Mattner und mittendrin „American beauty“, ein rotes Sitzpolster von John M. Armleder. Das Spiel besteht nun darin, dass sich hier Kunstpositionen mit Alltagsgegenständen so vermischen, dass man sich fragt, was nun Kunst ist und was Alltagsreliquie.

Die Frage hat dereinst schon Marcel Duchamp mit seinem Flaschentrockner auf andere Art gestellt. Bei Mittelstaedt geht es darum, wie sich Themen und Motive von Künstler zu Künstler, von Generation zu Generation weitertragen. Es geht um Wahlverwandtschaften: An der Wand hängt eindrucksvoll die 20-teilige Druckgrafik „Die Blaue Gitarre“ von David Hockney. Der US-Künstler ließ sich für den Zyklus von einem Gedicht von Wallace Stevens inspirieren, der wiederum hatte für seine Verse Picassos Gemälde „Alter Mann mit Gitarre“ (1903) im Kopf. So ist das mit der Imagination.

Dass Peter Raue Kunst sammelt, ist bekannt, aber was genau und wie groß seine Kollektion eigentlich ist, wissen nur diejenigen, die einmal zu Gast waren bei ihm in seiner Wohnung oder seine Kanzlei am Potsdamer Platz besucht haben.

Bislang hat Raue, der bei vielen Vernissagen auftaucht, seine Kunst – abgesehen von einigen Leih­gaben – noch nie öffentlich gezeigt. Wer bei ihm zu Hause war, berichtet, wie unprätentiös er mit seiner Kunst lebt. Die Bilder und Objekte stehen da und dort, auch im Bad, sind organisch mit dem Mobiliar „verwachsen“, vieles ist kleinteilig und verspielt, weniger repräsentativ, als viele vielleicht denken.

Das kommt wahrscheinlich daher, dass sich Raues Sammlung aus vielen persönlichen Begegnungen und Beziehungen über die Jahre entwickeln konnte. Aus manchen Mandaten wurden später Freundschaften, manche Künstler, die Raue vertrat, „zahlten“ mit Kunst. Da kann schon etwas zusammenkommen. Peter Raue jedenfalls geht von rund 800 Werken aus.

Für Ingo Mittelstaedt ist es nicht das erste Mal, dass er mit Sammlungen arbeitet. Mit Werken der Kunsthalle Rostock hat er das schon einmal gemacht. Diese Schau gefiel Katja Blomberg, Chefin des Hauses am Waldsee, so gut, dass sie auf die Idee kam, Mittelstaedt für das Zehlendorfer Kunsthaus mit einem Projekt zu betrauen. Und weil sie zum 70. Geburtstag des Hauses etwas Besonderes suchte, kam sie auf Peter Raue, der zum Freundeskreis des Ausstellungshauses gehört.

Und so ist diese Ausstellung nicht nur eine Jubiläumsschau, sondern vor allem eine wunderschöne Hommage an den Kunstfreund Raue, der seine Werke nun erstmals in einem anderen Zusammenhang sieht. Höhepunkt der Schau ist der Extraraum von Rebecca Horn mit all ihren mechanischen Objekten und Collagen. An der Wand „musiziert“ eine Geige, angetrieben von einem tosenden kleinen Motor, genauso wie der Schmetterling, der seine schillernden Flügel schlägt.

„Für Peter Raue“ steht unter den großen Fotocollagen. Eine zeigt einen leeren Esstisch nach einer vermutlich langen Nacht, bekritzelt und bemalt mit Rotweinschlieren. Es muss eine enge Freundschaft sein – so viele Werke wie Raue von ihr besitzt. Er sei einer von drei ihr nahestehenden Männern, zusammengelebt hätte er aber nie mit ihr, erzählt er. Jedenfalls bekommt er zu Geburtstagen und Weihnachten eine Postkarte, die sie künstlerisch collagiert.

An seinen ersten Kunstkauf kann sich Peter Raue noch gut erinnern. Ein Quadrat von Josef Albers, nicht Hans Albers, wie ein Richter einmal dachte. 100 DM musste er für Albers zahlen, für einen jungen Referendar wie ihn war das damals viel Geld.

Ob er nach Bauchgefühl sammle? Das Problem sei doch, meint Raue, wenn ein Bild zu gut sei, werde es gefährlich. „Dann ist man zu schnell fertig mit dem Werk.“ Er meint, es fehlt die gewisse Reibungsfläche, die gute Kunst erst interessant macht. Eine „Liebesbeziehung“ komme oft später, wenn man mit dem Künstler gesprochen habe und sich andere Werke von ihm angeschaut hätte. Wenn man sich dann frage, wo genau man die Arbeit wohl hinhängen möchte, dann ist es um den Sammler geschehen.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30. Di.–So., 11–18 Uhr. Gespräch mit Ingo Mittelstaedt und Peter Raue. Do., 14.7., 19.30 Uhr.