Kultur

Nach der Berlinale ist vor der Berlinale

Feministen, Stars und Bagels: Dieter Kosslick, Chef der Berliner Filmfestspiele, spricht in der Freien Volksbühne über sein Leben und seine Arbeit

Ein ungewohnter Anblick. Ohne den obligatorischen Hut, den Schal, die Minusgrade auf dem roten Teppich, stattdessen mit beigem Sommersakko und Sonnenbrille, einen lauen Abend im Rücken. Auch wenn seine Berlinale noch weit entfernt oder gerade erst vorüber ist – je nach Blickwinkel –, ist Dieter Kosslick (68) ein bisschen gehetzt. Denn der Berlinale-Chef hat den ganzen Tag vor der Leinwand verbracht, fünf Filme hat er gesehen, darunter schon Kandidaten für das nächste Filmfestival im kommenden Februar – die ersten der 6500 Filme, die Kosslick und sein Team jedes Jahr erreichen.

„Aus purer Angst, etwas zu verpassen, schauen wir die alle. Sonst stehen wir da wie die Deppen, wenn ein Film von uns abgelehnt, aber bei einem anderen Festival gezeigt wird“, sagt er. Ist schon mal passiert. Soll aber nicht wieder passieren. Timing ist deshalb alles. Berlinale ist für ihn immer. Dass er es trotzdem aus dem Kino geschafft hat, liegt an dem Wilmersdorfer Abgeordneten Stefan Evers (CDU), der in die Freie Volksbühne eingeladen hat. In seiner öffentlichen Talkrunde „Berlinsalon“ trifft er Menschen aus Politik und Kultur zum 90-minütigen Gespräch. Kosslick sei jetzt fällig, wie Evers sagte, weil er sich bei einem Glas Rotwein als „überzeugter Linker“ geoutet habe. Das wolle man mal überprüfen.

Über Politik wird dennoch wenig gesprochen. Stattdessen erzählt Kosslick von seinem Leben, gibt einen Grundkurs in Filmförderung, berichtet, klar, von der Berlinale. Ein Politikum gibt’s aber doch. Kosslick outet sich als Feminist. Sogar als einer der ersten Stunde. Anfang der 80er-Jahre, vor seiner Zeit in der Filmbranche, schreibt Kosslick einen Brief an die 120.000 Angestellten des öffentlichen Dienstes der Stadt Hamburg. Er ist gerade Pressesprecher der Leitstelle für die „Gleichstellung der Frau“ geworden, schreibt also „Sehr geehrte Damen und Herren“ und löst damit einen Shitstorm aus. Männer beschweren sich über die neue Anrede, wollen lieber das „Sehr geehrte Herren“ zurück. „Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass eine Stelle für die Gleichberechtigung der Frauen wirklich nötig ist“, sagt er. 1983 zieht es ihn weg von der Politik, hin zur Filmförderung. Auch auf der Berlinale ist er oft gewesen. Aber als man ihn zum ersten Mal gefragt hat, ob er nicht Festivaldirektor werden will, hat er gedacht: „Das ist doch ein beknackter Job.“ Da hat er noch die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen geleitet, und die Berlinale war ein wenig, na ja, angestaubt. Aber als sich die Festivalvoraussetzungen ändern und die Berlinale „größer, schneller, schöner“ werden soll, kommt er doch.

Vor seinem Umzug in die Hauptstadt bringt er noch schnell – das weiß kaum jemand – ein Buch heraus. Nicht etwa über Filme, sondern über, ja genau, Bagels. Er habe halt eine Schwäche für Backwaren, sagt er und zuckt die Achseln. Bis heute backt er gern, obwohl sich das Buch als totaler Flop entpuppt. 1900 der 2000 gedruckten Exemplare kauft er selbst.

Dann, endlich, Intimes von der Berlinale, von Stars und Promis. Was seine Lieblingsbegegnung gewesen sei, will jemand wissen. Und Kosslick, ganz der charmante Diplomat, sagt, er könne keinen Favoriten nennen. Aber, da muss er selbst schmunzeln, ja doch, das mit der Meryl Streep in diesem Jahr, das sei schon toll gewesen. Sie sei exzellent vorbereitet gewesen und engagiert, die beiden hätten viel gewitzelt.

Warum denn die Berlinale um Gottes Willen im Winter stattfinden müsse, fragt ein anderer. „Ja, das frage ich mich auch, wenn ich mit meinen langen Unterhosen fünfmal am Tag auf dem roten Teppich bibbere“, sagt er. Eigentlich hat das Festival bis 1977 im Juni und Juli stattgefunden. Also genau jetzt hätte man die 67. Berlinale gefeiert. Aber die Festivals von Cannes im Mai und Venedig im August hätten Berlin die Premieren weggeschnappt. Deswegen ist der Februar eine Alternative, um international mitzumischen. „Und jetzt sind wir ja das größte Filmfestival der Welt mit dem allerbesten Publikum“, sagt er und lächelt über seine Brille in den Saal.