Kultur

Tortoise liefern den Soundtrack zum Kopfkino

Die Postrock-Band aus Chicago spielt im Columbia Theater

Mächtig donnern sich die zwei Schlagzeuger an. Sie klöppeln, sie werkeln, sie wirbeln, und über dem polyrhythmischen Getöse schweben zwei Bässe und eine Gitarre. Mit der Komposition „Seneca“ eröffnet die amerikanische Instrumentalband Tortoise am Dienstag ihr bereits zweites Berlin-Konzert in diesem Jahr. Im Februar konnte man sie schon im ausverkauften Berghain erleben, nun sind sie noch einmal zurückgekehrt ins gut gefüllte, wenn auch nicht ausverkaufte Columbia Theater. Mit ihrem schleppenden, pulsierenden, gesanglosen und von leichten Melodien durchpulsten Sound waren Tortoise in den 90er-Pop-Jahren so etwas wie Revolutionäre. Sie durchbrachen die Regeln des Musikgeschäfts. Sie verzichteten auf Gesang. Sie legten den Fokus ganz auf die Musik. Sie mixten unterschiedlichste Spielarten von Krautrock über Dub und Minimal Music bis Jazz. Tortoise kommen aus Chicago.

Tortoise konnten mit ihrem Fusionsgebilde große Erfolge verbuchen, verschwanden aber 2009 nach dem Album „Beacons of Ancestorship“ in der Versenkung. Bis im vergangenen Jahr mit „The Catastrophist“ ein neues und überraschendes Album erschien. Überraschend, weil nun auf gleich zwei Songs auch gesungen wird. So gibt es darauf etwa eine wunderbare Coverversion des David-Essex-Klassikers „Rock On“. Soweit gehen Tortoise im Konzert freilich nicht. Es gibt keine Ansagen, keine unnötigen Mikrofone. Es gibt nur die Musik. Schlagzeuger und Keyboarder John McIntire hält dabei die Fäden in der Hand. Neben McIntire sind es immer wieder mal John Herndon und Dan Bitney, die sich die Schlagwerkparts untereinander aufteilen. Mal alleine, mal zu zweit. Es ist eine intensive, perkussive Musik, die mitunter recht breitschultrig daherkommt, sich dann aber wieder poetische Zurückhaltung verordnet. Bassist Doug McCombs bleibt seinem Instrument meist treu. Und dann ist da noch Gitarrist Jeff Parker, eine Koryphäe der Jazzszene Chicagos, ein virtuoser Instrumentalist, der sich aber hier konsequent dem Bandgefüge unterordnet.

Tortoise waren in den 90er-Jahren ihrer Zeit voraus. Das sind sie heute längst nicht mehr. Und das wissen sie auch. So verwalten die fünf Musiker ihr in mehr als zwei Dekaden entstandenes Werk und schaffen es dennoch, trotz aller klanglicher Redundanz, in diesem Soundtrack fürs Kopfkino bewegende Momente heraufzubeschwören. Großartige Musiker, die konsequent ihren Weg gehen. Nach einer guten Stunde ist Schluss, aber Zugaben gibt es noch. Der Applaus, der ihnen entgegenbrandet, ist euphorisch und dankbar.