Oper

Jürgen Flimm: "Der Castorf ist doch ein Genie"

Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm spricht im Interview über den Volksbühnen-Streit, Chris Dercon und seinen eigenen Nachfolger.

Staatsoper-Intendant Jürgen Flimm in seinem Büro im Schiller-Theater

Staatsoper-Intendant Jürgen Flimm in seinem Büro im Schiller-Theater

Foto: Sergej Glanze

Mit Befremden schaut Jürgen Flimm auf die Streitigkeiten um den Intendantenwechsel an der Volksbühne. Flimms eigener Nachfolger, Matthias Schulz, hat bereits ein Büro im Schiller-Theater. Die Übergabe der Staatsoper soll harmonisch erfolgen. Derweil kann Jürgen Flimm getrost seine Opern-Inszenierungen am Haus machen. Drei sind es allein in dieser Spielzeit. Mit Salvatore Sciarrinos „Luci Mie Traditrici“ findet am Sonntag die letzte große Berliner Opernpremiere der Saison statt.

Herr Flimm, für Ihre Premiere haben Sie sich mit einem anderen Anbieter nicht abgesprochen?

Jürgen Flimm: Der DFB hätte ruhig vorher anrufen können. Aber wir sind 20 Minuten vor Anpfiff mit unserer Aufführung fertig. Bei der Premierenfeier werden wir einen großen Screen aufstellen. Wir werden das Finalspiel erleben.

Haben Sie einen Rücklauf bei den Kartenbestellungen bemerkt?

Nein. Die Leute wissen schon, dass sie es rechtzeitig in die nächste Kneipe vor einen Fernseher schaffen.

Es ist Ihre dritte Inszenierung an der Staatsoper in dieser Saison. Es war für Sie als
Regieintendant also eine gute Saison?

Die ersten beiden haben sehr gut funktioniert. Mal sehen, wie die dritte wird. Ich mache das alles nicht mehr so leicht dahin, es ist ganz schön anstrengend für einen alten Herrn. Aber wenn die Proben so schön sind, die Sänger so aufgeschlossen, dann ist die Arbeit erfüllend.

Außerdem ist der Komponist Salvatore Sciarrino ein guter Freund von Ihnen?

Er wohnt in Città di Castello, einem beschaulichen Örtchen in Umbrien. Wo auch wir unser Häuschen haben. Wir sind uns bei einem Essen begegnet und treffen uns seither regelmäßig. Ich werde auch noch ein neues Stück mit ihm machen, an der Mailänder Scala.

Wann wird das sein?

Dezember 2017.

Da müssen Sie doch die sanierte Staatsoper Unter den Linden wieder eröffnen?

Das ist vorher – am 3. Oktober.

Inszenieren Sie die Eröffnungspremiere der Staatsoper selbst?

Ja. Aber mehr sage ich nicht.

Ihr Intendantenamt übergeben Sie im April 2018 an Matthias Schulz. Ihr Nachfolger sitzt bereits seit März im Schiller-Theater, um sich einzuarbeiten. An der Volksbühne gibt es Konflikte um die Nachfolge. Wieso verläuft es an der Staatsoper so friedlich?

Daniel Barenboim und ich haben uns früh darum gekümmert. Ich wusste, dass ich nach der Rückkehr ins Opernhaus Unter den Linden aufhören würde. Dann bin ich 77 Jahre alt. Daniel und ich haben eine Liste mit Namen gemacht. Es gab Treffen mit Matthias Schulz. Dann haben wir ihn dem Senat vorgeschlagen. Der Regierende Bürgermeister und sein Kulturstaatssekretär waren sehr aufgeschlossen.

Warum ist er schon so früh im Haus?

Wir wollten das. Wir haben ihm ein schönes Büro eine Etage über uns eingerichtet. Er kommt mal runter, ich mal rauf. Dann besprechen wir alles, was den Umzug vom Schiller-Theater in die Staatsoper Unter den Linden betrifft. Er bereitet bereits seinen Spielplan vor. Ich kenne den noch nicht, was auch gut so ist. Wir sind einfach gut miteinander.

In der Volksbühne ist die Übergabe von Frank Castorf an Chris Dercon ein kulturpolitisches Desaster.

Mir tut das auch furchtbar leid. Die Verwaltung hätte vorher mit den alten Herrschaften wie Claus Peymann und mir reden müssen. Wir kennen jeden, vor allem auch die Schwierigkeiten der Volksbühne. Das ist kein leichter Job.

Was ist denn der Knackpunkt der Volksbühne?

Der wunderbare Castorf. Er ist schwer zu ersetzen. Das hätte man sich vorher besser überlegen müssen. Aber jetzt sind die neuen Chefs benannt, und wir müssen helfen. Aber sie machen so merkwürdige Fehler. Wieso kommt eine Meldung in die Öffentlichkeit, dass sie so viele Leute entlassen wollen? Einige gehen sowieso aus Protest. Es gibt so viele gute und schlaue Leute in der Volksbühne.

Wenn ein neuer Intendant kommt ...

Ja klar, juristisch kann er vieles machen. Er kann ohne Gründe Verträge auslaufen lassen. Das ist zwar total asozial, aber es ist möglich. Er kann sagen, sie passen nicht in mein künstlerisches Konzept, deshalb müssen Sie gehen, Herr Sowieso. Aber das ist nicht ratsam. Man muss mit den Mitarbeitern viele lange Gespräche führen. Das machen jedenfalls gestandene Theaterintendanten so. Wobei jeder Verständnis dafür hat, wenn ein Neuer seinen Dramaturgen, Betriebsdirektor oder Referenten mitbringt. Jeder möchte seine Prätorianergarde um sich haben.

Es geht um 25 Nichtverlängerungen. Ist das viel oder wenig für das Theater?

Das hängt davon ab, welche Abteilung betroffen ist. 25 Schauspieler wären viel. Technikerverträge kann man nicht so schnell kündigen wie künstlerische Verträge.

Ist Chris Dercon eine gute Lösung für die Volksbühne?

Ich warte etwas ab mit meinem Urteil. Ich kenne ihn nicht. Wenn mir einer ein Museum in Paris oder London anbieten würde, müsste ich es ablehnen. Ich kann doch nicht sagen, ich kann das, weil ich mir ab und zu in Museen Bilder ansehe. Aber es macht keinen Sinn mehr, immer die alte Milch zu verschütten. Jetzt muss es irgendwie klappen, damit die wunderbare Volksbühne erhalten bleibt. Er muss natürlich irgendwann einen tollen Plan für die erste Saison hinlegen. Ansonsten wird es schwer.

Im Moment kämpfen Dercons Gegner und seine Verteidiger mit offenen Briefen gegeneinander. Was ist jetzt zu tun?

Der Senat müsste die Leute mal an einen Tisch bekommen und die Situation deeskalieren. Da ist Staatssekretär Tim Renner gefordert. Das wäre das Allerwichtigste, sonst geht das nach den Ferien so weiter. Die Vorgänge sind nicht gut für die Volksbühne, das Haus ist zu wichtig und hat eine zu große Vergangenheit. Sonst zerbröselt alles.

Was bedeutet die Volksbühne für Sie?

Es ist ein verrücktes Haus, sie haben immer an der Seite vorbeigedacht. Der Castorf ist doch ein Genie. An die Sachen, die er an der Volksbühne kreiert hat, wird man sich noch in 200 Jahren erinnern. Das Haus hatte immer die Qualität, dass es chaotisch und unordentlich war und immer so eine merkwürdige Ossi-Verteidigungsrolle eingenommen hat. Ich habe das nie richtig verstanden, aber es hat eine unglaubliche Kraft freigesetzt. Es war von allen Berliner Theatern immer das kräftigste, frechste, offenste.

Es ist kontaminiertes Theatergelände. Es gehört viel Mut dazu, sich da als Nachfolger hineinzuwagen?

Das Problem ist, wenn man dem Castorf schon ins Ohr flüstert, es sei jetzt an der Zeit, muss man eine gute Idee für die Weiterführung haben. Überhaupt muss man mit Castorf sehr sorgfältig umgehen, weil er eine große Figur in der Theaterlandschaft ist. Da kann man nicht einfach mal ’ne SMS schicken, wie das heute so üblich ist.

Was würden Sie ins Handbuch für Amtsübergaben an Theatern schreiben?

Erstens müssen beide auf eine gute Gesprächsebene finden. Intendanten müssen wissen, dass ihnen das Theater nicht gehört. Man bekommt es nur geliehen, was im Vertrag geregelt ist. Der Wechsel ist ein normaler Vorgang und kein Erdbeben. Und drittens muss man mit den abhängig Beschäftigten besonders gut umgehen. Sie sind abhängig von den Launen eines Intendanten. Also müssen alle viel miteinander reden.