Kunst

Hiernoymus Bosch in Berlin zu bestaunen – zumindest virtuell

Himmelslüste und Höllenqualen: Zu seinem 500. Todestag kommt der große Renaissancekünstler in multimedialem Gewand nach Berlin.

Die großen Werke von Hieronymus Bosch werden derzeit in Madrid ausgestellt. In Berlin sind sie immerhin virtuell zu erleben

Die großen Werke von Hieronymus Bosch werden derzeit in Madrid ausgestellt. In Berlin sind sie immerhin virtuell zu erleben

Foto: Eventpress HHH

Merkwürdige Hybridwesen bevölkern seine Landschaften, halb Mensch, halb Tier. Sie tummeln sich mit nackten Frauen und Männern, mit menschengroßen Mäusen, Schweinen in Nonnenhabit und den merkwürdigsten Fabelwesen. Manche posieren im Liebesreigen, manche sind im Todeskampf vereint, andere werden verschlungen oder ausgeschieden.

Noch 500 Jahre nach seinem Tod hat die Faszination der skurrilen, schwer deutbaren Bilderwelten des großen Renaissancekünstlers Hieronymus Bosch (ca. 1450–1516) nicht nachgelassen. Die Ausstellung in seiner Heimatstadt ‘s-Hertogenbosch anlässlich des Todestages war ein Riesenerfolg, 421.000 Besucher stürmten das Museum. Nun ist die Schau mit über 90 Originalwerken nach Madrid weitergewandert.

Der „Garten der Lüste“ schwebt von allen Seiten heran

In Berlin kann man sich Boschs Bilderwelten nur multimedial annähern. In der Alten Münze am Molkenmarkt warten riesige Projektionen auf die Besucher. Die Gemälde von Hieronymus Bosch sind animiert, seine Gestalten beginnen zu tanzen. Dazu ertönt dezente Musik. Manchmal hört man auch Geräusche: das Flackern einer Fackel zum Beispiel. Motive vor allem aus dem berühmten Triptychon „Der Garten der Lüste“ schweben von allen Seiten auf den Leinwänden heran, mal größer, mal kleiner. Die ganze Vielfalt von Boschs Bilderwelt wird so überlebensgroß erfahrbar, die Präsentation zeigt seine Detailversessenheit und seine ungewöhnliche Bildsprache.

So lange die von Artplay Media aus Russland entwickelte Animationen sich auf Boschs originäre Motive konzentriert und nur geringfügige Eingriffe vornimmt – etwa durch ein Augenzwinkern oder das Wedeln einer Hand –, funktioniert das gut. Wenn aber neue Elemente hinzufabuliert werden – wie ein animierter Tänzer oder Boschs Gemälde an einer von Fackeln beleuchteten Wand –, wird es schwierig. Die Bilderwelt von Bosch ist zwar vielfältig, aber in ihrer Vielfalt doch so geschlossen, dass fremde Elemente sich nicht nahtlos einfügen lassen. Hier stören sie einfach. Besser hätte man Bosch ausschließlich für sich sprechen lassen.

Man weiß fast nichts über den Künstler

Noch heute gibt das düstere Panoptikum des Malers Rätsel auf. Entspringen seine von Dämonen bevölkerten Höllenlandschaften der finsteren Fantasie eines religiösen Fanatikers? Wo fand Bosch seine Motive: in der Tradition christlicher Ikonografie oder in der Fantasiewelt abtrünniger Häretiker? War Bosch von der Mystik inspiriert oder der Alchemie? Man weiß fast nichts über diesen Künstler, der eigentlich Jheronimus van Aken hieß, nur dass er um 1450 geboren wurde, einer Malerfamilie entstammte und eine reiche Patriziertochter ehelichte, die ihm zu größerer Unabhängigkeit verhalf.

In Adel und Kirche fand er seine Auftraggeber, bis nach Spanien reichte sein Ruhm, wo er bekannter war als in den Niederlanden und El Bosco genannt wurde. Viele seiner Werke sind jedoch nicht erhalten, entweder sind sie verbrannt, verfallen oder gar übermalt worden. Bei den existierenden Gemälden ist es oft nicht leicht, die Urheberschaft eindeutig zu bestimmen, gab es doch stets Fälschungen, Kopien und Nach­ahmungen.

Für die Surrealisten des frühen 20. Jahrhunderts war Bosch eine einzigartige Inspirationsquelle, scheinen seine Gestalten doch geradewegs aus dem Unbewussten auf die Leinwand gesprungen zu sein. Faszinierend nah liegen bei ihm Himmelslüste und Höllenqualen nebeneinander. Wie gern würde man auch hier die Originale sehen, Multimedia ist da nur ein virtueller Ersatz.

Hieronymus Bosch: Visions Alive. Alte Münze, Molkenmarkt 2, Mitte. Tägl. 10–20 Uhr. Bis 30. Oktober