TripHop-Veteranen

Massive Attack machen Brexit-Pop in der Spandauer Zitadelle

Massive Attack geben sich in der Zitadelle dezidiert politisch. Das Publikum geht vor allem bei den älteren Songs mit.

Massive Attack gehören zu den Pionieren des TripHop

Massive Attack gehören zu den Pionieren des TripHop

Foto: Universal Music

Gerade waren da noch Beschwerdepfiffe. Im Käsefondue- und Handbrotduft standen unzufriedene Menschen. Familienväter. Halb zehn. Wie lange sollen wir noch warten?, fragten sie, während sie mit anderen ihre Geschichten vom Wochenenden teilten: Die Kinder im Bett. Der Grill draußen. Wir waren alle zu. Hammerdicht. Dann - endlich - dröhnt ein Bass ihre Gespräche vom Platz. Geht durch Mark und Bein und Mund und Blut. Massive Attack eröffnen mit „United Snakes“.

Die Körper vergessen ihre Sprachausgabe, bewegen sich von einem Bein auf das andere. Tanz. Guten Abend, sagt das Duo aus Bristol. Es ist schwarz gekleidet und live zu einer großen Band angeschwollen. „Als wir das letzte Mal hier waren, waren wir noch in der EU“, eröffnen sie. Streng genommen seid ihr es immer noch, will man ihnen zuraunen, aber ihr stärkstes Mitglied an diesem Abend, das dass ihr teilweise 20 Jahre altes Oeuvre, so zeitlos, so dringend klingen lässt, das ist ihr Polit-Pop-Plot.

Über den LED-Backdrop rauschen Nullen und Einsen, ihre Musik rast dazu von der Bühne wie ein Rennwagen, dessen Reifen in den Kurven durchdrehen. Aber all die Geschwindigkeit bringt nur Logos und Flaggen hervor. Versace. Burger King. MTV. McDonalds. Deutschland. Großbritannien. Firmen. Marken. Die Nullen und Einsen lassen die Logos riesig werden. Immer größer. So groß bis sich alles defragmentiert und verschwindet. Die letzte Verbindung, das letzte bisschen Null und Eins, soll im Publikumsgehirn passiert: Die EU defragmentiert sich als nächstes. Denn nichts ist „Future Proof“ - so heißt der Song, den sie währenddessen spielen.

Wir müssen uns gegen die Rassisten und Populisten wehren, sagt Robert Del Naja. Und der Backdrop wird Sprache, wird Deutsch. „Solidarität“ „Kontrolle zurück“ „Teilung ist Schwäche“ „Wahn“ „Faschist“ „Kein Visa für Ibiza“ all das Gemurmel aus den Sozialen Netzwerken und letzten Stammtischen wird wie von einem überdimensionalen Pager in die Masse getickert.

Meldung ist Meldung. „Erdogan will Gedicht jetzt ganz verbieten“ und „Jennifer Lopez hat einen neuen Bob“ wird gefolgt von „Deutsche Waffenexporte habe sich verdoppelt.“ Das Grundrauschen des Zeitgeists funkt durch „Eurochild“ von 1994. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir diesen Song mal als Requiem spielen“, sagt Del Naja.

So wirken Massive Attack auch 2016 fast alterslos. Sie waren immer schon eine Collagen-Band. Ewig frisch, durch Samples und fremde Stimmen. Ihre jüngste Kollaboration sind die „Young Fathers“. Eine Hip-Hop-Reagge-Pop-Combo aus Edinburgh, die 2014 den Mercury Prize für ihr Debütalbum gewann. Gemeinsam mit Massive haben sie die Single „Voodoo in My Blood“ aufgenommen. Sie spielen sie. Alle zusammen. „Wir sind Immigranten. Alle“, sagen sie . Auch in der Band. Und so spielt auf der Bühne vor der Zitadelle eine neue, saisonale Riesenband noch zwei „Young Fathers“- Tracks.

Für das Publikum ist das zu neu. Es atmet auf als Tricky, das Neunziger Jahre Bandmitglied, das mittlerweile in Berlin lebt, für „Take it there“ zurück auf die Bühne kommt. Und es vergießt ein paar vermisste „Teardrops“ als „Unfinished Sympathy“ als einzige und letzte Zugabe über die LEDs „Das stehen wir gemeinsam durch“ verspricht.