Kultur

Die Fronten verhärten sich

Chris Dercon war einige Tage in Berlin und führte an der Volksbühne Gespräche. 25 Verträge mit Künstlern sollen nicht verlängert werden

Wo ist eigentlich Chris Dercon? Er muss endlich mit seiner Theatertruppe reden, diplomatisch sein, sagen die einen. Lasst ihn bloß in Ruhe, raten andere. Der designierte Volksbühnenchef war gerade einige Tage in Berlin, allerdings nicht, um etwa die Wogen zu glätten, die da gerade ziemlich hoch schlagen. Da gibt es den offenen Brief, in dem ihm ein Großteil des Volksbühnen-Teams vorwirft, er wolle das Haus „abwickeln“. Dercon war in der Stadt, um sogenannte „Nicht-Verlängerungsgespräche“ zu führen. Das hört sich nicht schön an, gehört aber zum Verwaltungsprozedere – in gut einem Jahr soll der Theatermann die Volksbühne übernehmen. Dabei handelt es sich nicht um Kündigungen, sondern um Verträge, die nicht verlängert werden im künstlerischen Bereich. Dazu zählen zum Beispiel auch Positionen wie Bühnen- und Kostümbildner.

Nun muss man sagen, dass es im Theaterbereich üblich ist, dass etwa zwei Drittel des Schauspielerteams und des künstlerischen Apparates ausgetauscht werden. Jeder neue König, der kommt, bringt seine Gefolgschaft mit. Laut der Berliner Kulturverwaltung gibt es 20 bis 25, maximal 26 Nichtverlängerungen bei 216 Mitarbeitern. Darunter fallen Dramaturgen und Regisseure. Namen werden nicht genannt. Beim technischen Personal seien bislang keine Kündigungen geplant.

Sabine Bangert, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, kritisiert das ganze Vorgehen in der „causa Volksbühne“: „Es ist normal für einen Wechsel, dass künstlerisches Personal geht. Nicht normal aber ist, dass ein Intendant schon im Vorfeld für eine solche Unruhe sorgt.“ Ihrer Meinung nach müsse der Kultursenator Sorge dafür tragen, dass keine „Angst“ unter den Mitarbeitern im Hause umgehe. So wie der Senat agiere, ginge das nicht. „Das beschädigt den Ruf der Volksbühne und auch die Reputation Dercons“, so Bangert.

Zudem kritisiert sie, dass auch das Leitungsteam um Dercon noch nicht steht. Kommt Regisseurin Susanne Kennedy und unter welchen Bedingungen? Offenbar laufen da noch Verhandlungen. Dass gerade bei diesem Traditionshaus alles noch „offen“ sei, sieht sie als kulturpolitischen Ausverkauf.

Erst am Wochenende hatten Dercons Museumsfreunde und einige internationale Künstler dem künftigen Volksbühnenchef mit einem offenen Brief den Rücken gestärkt. Berlin sei zu seiner kühnen und inspirierten Wahl zu beglückwünschen, hieß es. Zwar sei Dercon ein Theatermann, aber das sei wirklich nicht das Problem. Es ginge hier einzig und allein um Macht und Zensur.

Eins ist klar – die Fronten haben sich verhärtet. Und nun warten wieder alle auf Chris Dercon. Er wird sich das Vertrauen bei seiner Truppe in der Volksbühne langsam erarbeiten müssen. Wie er das macht, gute Frage.