Bühnen

Die Rückkehr des politischen Theaters

Zur Spielzeitbilanz 2016: Flüchtlingskrise, Terror, Europas Rechtsruck. Die Berliner Bühnen widmen sich den aktuellen Themen.

Endzeitstimmung: Während die Mitarbeiter der Volksbühne gegen den neuen Intendanten revoltieren, zeigt Herbert Fritsch die Apokalypse auf der Bühne

Endzeitstimmung: Während die Mitarbeiter der Volksbühne gegen den neuen Intendanten revoltieren, zeigt Herbert Fritsch die Apokalypse auf der Bühne

Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

Die politische Realität und das Theater, sie pflegen eine schwierige Beziehung. Wie komplex die Sache ist, zeigte sich zum Beispiel an einem Abend in der jetzt zu Ende gehenden Spielzeit am Maxim Gorki Theater. Gezeigt wurde die Premiere von Sebastian Nüblings Inszenierung „In unserem Namen“. Ein Stück zum Flüchtlingsthema, basierend auf Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“. Ein Abend, nach dem man milde gestimmt heimfuhr, weil bei allen Schwierigkeiten untereinander für eine kurze Dauer eine heitere, freundliche Menschengemeinschaft gegenseitiger Akzeptanz entstanden war. So wollte man die Welt an diesem Abend sehen und hielt es kurz für möglich. Doch daheim angekommen, hatte sie sich schon wieder verändert und die Nachrichten vermeldeten, dass Attentäter in Paris 130 Menschen getötet hatten.

Nathan der Weise – ein zeitloses Plädoyer für Toleranz

Solche Ungewissheiten, sie haben Folgen und der Rückblick auf die Inszenierungen und die Diskussionen der vergangenen Berliner Bühnensaison zeigt: Das Theater wird wieder politischer. Was das genau bedeutet, ist noch nicht abzusehen. Nur, dass es nach der in den letzten Jahren gepflegten ironischen Distanz zur Gegenwart, jetzt vermehrt auch darum geht, Haltung zu beziehen. Dabei sind die Theater noch im Ausprobier-Modus. Die Flüchtlingsthematik, der Terror, der Rechtsruck in Europa. Was tun in Zeiten sich überschlagender Ereignisse?

Das Deutsche Theater eröffnete die Spielzeit mit Lessings „Nathan der Weise“, dem zeitlosem Plädoyer für religiöse Toleranz. Bei Regisseur Andreas Kriegenburg bleibt dieser Dialog der Kulturen allerdings ein Märchen, das er comichaft in Szene setzt. Die politischen Stoffe am DT, sie konnten nicht richtig punkten, nicht mal Stephan Kimmigs Inszenierung von Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, in dem ein muslimischer Präsident in Frankreich die Macht übernimmt. Umso mehr begeisterte stattdessen gerade die fast altmodische, sehr präzise Inszenierung von Daniela Löffner, die sich Turgenjews „Väter und Söhne“ vorgenommen hatte und damit zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen wurde.

Ordentlich gekracht hat es an der Schaubühne. Zwar lautete die zentrale Frage der Saison „Theater, wie hältst du’s mit der Politik?“, doch die Politik fragte sich auch, was sie vom Theater halten soll. Zumindest die AfD-Vizechefin Beatrix von Storch tat das und von Falk Richters polemischen Anti-Pegida- und Anti-AfD-Stück „Fear“ hielt sie gar nichts. Gemeinsam mit der „Demo für alle“-Organisatorin Hedwig von Beverfoerde erwirkte sie eine einstweilige Verfügung. Die Frauen fühlten sich in ihrer Menschenwürde verletzt, unter anderem weil sie in der Inszenierung als Zombies gezeigt würden. Am Ende bekam die Schaubühne recht, „Fear“ wird weiter ungekürzt gezeigt. Auch in Potsdam versuchte die AfD Einfluss zu nehmen, forderte das Hans Otto Theater auf, das Stück „Illegale Helfer“ von Maxi Obexer, das auf Protokollen von Fluchthelfern basiert, nicht aufzuführen.

Beides sehr aktuelle Themen, allerdings scheint rein künstlerisch betrachtet, den Theatern ein wenig zeitlicher Abstand gut zu tun. Wenn das Theater sich gerade nicht als brandaktuelle Fortsetzung der Tagesnachrichten verstand, wenn es sich zurückliegenden oder bereits seit Jahren schwelenden Themen widmete, konnte es oft Kraft entwickeln und auch ästhetisch überzeugen. Wie zum Beispiel bei Yael Ronen, die in „The Situation“ am Gorki Theater den Nahost-Konflikt in einem Neuköllner Deutschkurs neu ordnet.

Oder bei Milo Rau, der uns an der Schaubühne mit „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ mit unserem schlechten Gewissen konfrontiert und die ambivalente Geschichte einer Frau erzählt, die im Kongo als Entwicklungshelferin bei einer NGO aktiv war. Vor wenigen Tagen hat Rau an den Sophiensälen dann noch den Fall des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux nacherzählen lassen. Von Kindern.

Mit Pomp und Pathos und Windmaschine

Was war sonst noch? Am Berliner Ensemble macht Leander Haußmann aus Schillers „Räubern“ einen streckenweise höchst unterhaltsamen Spaß mit Pomp und Pathos und Windmaschine. Dem Hausherrn Claus Peymann rettet Meret Becker kurzfristig seine Uraufführungs-Inszenierung von Peter Handkes „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“. Im Juni, als die Saison schon fast vorbei war, gab’s dann noch mal richtig Aufregung im Berliner Kulturbetrieb.

Auslöser waren vier libysche Tiger, die die Theater-Aktivisten vom Zentrum für Politische Schönheit zwei Wochen in einer Arena vor dem Gorki Theater präsentierten. Unter dem Titel „Flüchtlinge fressen. Not und Spiele“ wollten sie erzwingen, dass Flüchtlinge künftig ohne Visum mit dem Flugzeug nach Deutschland kommen dürfen. Das Aufenthaltsgesetz verbietet das. Sollte das nicht geändert werden, so drohten sie, würden sich Flüchtlinge freiwillig den Tigern zum Fraß vorwerfen. Das passierte natürlich (und zum Glück) nicht, obwohl es keine Gesetzesänderung gab.

Fast zeitgleich lösten die Mitarbeiter der Volksbühne gleich eine ganze Reihe offener Briefe und öffentlicher Äußerungen aus. Es geht um die Personalie Chris Dercon, den Museumsmann, der 2017 Frank Castorf als Volksbühnen-Intendant beerben soll. Theater wurde an der Volksbühne auch gemacht. Viele Inszenierungen trugen angesichts des bevorstehenden Intendantenwechsels die Wehmut des Abschieds.

Überlängen-Abende und viel Endzeitstimmung

Frank Castorf selbst steuerte mehrere seiner Überlängen-Abende bei, von denen „Die Brüder Karamasow“ auf die größte Begeisterung stießen. Und Herbert Fritsch inszenierte dem Anlass gemäß gleich die „Apokalypse“, also das letzte Buch des Neuen Testaments. Mit Wolfram Koch als wahnwitzig-virtuosem Entertainer. Die Volksbühne, sie ist in Endzeitstimmung und wird es wahrscheinlich auch in der nächsten Spielzeit bleiben. Das dürfte eine der wenigen Konstanten sein, die die kommende Theatersaison in diesen Zeiten der politischen Ungewissheiten zu bieten hat.