Tournee

„Ich bin doch nur ein kleiner Junge vom Dorf“

Wochenlang in den Charts und nun auf Tournee: Ein Gespräch mit dem Volbeat-Sänger Michael Poulsen.

Liebt den Lärm nur auf der Bühne, sonst lieber das stille Landleben: Sänger Michael Poulsen der dänischen Band Volbeat

Liebt den Lärm nur auf der Bühne, sonst lieber das stille Landleben: Sänger Michael Poulsen der dänischen Band Volbeat

Foto: Ferdy Damman / dpa

Rockmusik ist tot? Wer das behauptet, hat die Rechnung ohne Volbeat gemacht: Das neue Album „Seal The Deal & Let’s Boogie“ hat es in vielen Ländern, auch in Deutschland, sofort an die Spitze der Charts geschafft. Die drei Dänen und der New Yorker Gitarrist erspielen sich mit melodiestarkem Rock und der kraftvollen Stimme von Sänger Michael Poulsen (41) unaufhörlich neue Fans. Am 29. Oktober ist die Band in der Mercedes-Benz-Arena zu sehen. Wir erreichten Poulsen auf dem Handy.

Während viele Rockbands jammern, dass das Genre tot sei, werden Sie 15 Jahre nach Gründung einfach immer erfolgreicher. Was macht Volbeat richtig?

Michael Poulsen : Ein Rezept, das den Erfolg garantiert, haben wir nicht. Wir gehen mit viel Leidenschaft und Liebe zu Werke, sind dazu sehr harte Arbeiter und viel auf Tournee. Außerdem sind wir nahbar für unsere Fans. Wir kommen nicht im Privatjet zu unseren Konzerten geflogen, wir hängen vor den Shows mit den Leuten ab, und wir hängen hinterher mit ihnen ab. Denn das sind oft Menschen, die ihr Taschengeld in uns investieren. Das wissen wir zu schätzen. Wir nehmen unsere Alben übrigens auch nicht in irgendeinem teuren Studio in L.A., London, New York oder Berlin auf, sondern in Dänemark.

Behandeln die Leute Sie daheim in Dänemark wie einen Rockstar?

Die Leute sind immer nett und freundlich zu mir, ich selbst bin das auch. Natürlich werde ich auf der Straße öfter von Fremden angesprochen als die meisten anderen Menschen, aber das ist in Ordnung so. Wenn ich schlecht drauf bin und das nicht will, dann bleibe ich eben zu Hause. Ich bin ganz sicher kein glamouröser Typ, sondern eher der Junge vom Dorf, der sehr viel Glück hatte.

Auch in den USA läuft es gut. Keine Lust, nach Los Angeles zu ziehen?

Auf keinen Fall. Das wäre nichts für mich. Früher, als junger Kerl, habe ich in Kopenhagen gelebt, weil ich dachte, das gehört sich so. War auch cool, viele Plattenläden und Kneipen, Großstadt halt. Aber jetzt bin ich 41 und habe andere Prioritäten. Wenn wir unterwegs sind, ist immer Party, sind immer viele Menschen um uns herum, ist es ständig laut. In meinem Privatleben brauche ich Ruhe und Frieden. Den Kontrast zwischen dem Volbeat-Wahnsinn und der Zurückgezogenheit daheim, den mag ich sehr gern. Mein Haus liegt auf einem Hügel, meine einzigen Nachbarn sind Ziegen, Kühe und Pferde.

Haben Sie dort auch die neuen Lieder geschrieben?

Die meisten ja. Ich kann mich zu Hause wunderbar konzentrieren, ich höre zum Beispiel fast gar keine andere Musik, und so habe ich mich in aller Ruhe dem neuen Album widmen können.

Aber der Harlem Gospel Choir aus New York, der auf „Goodbye Forever“ singt, den haben Sie sich dann schon gegönnt?

Ja, das war ein langjähriger Traum von mir. Ich bin ein großer Liebhaber der Gospelmusik, und dieser Chor ist einfach der allerbeste.

Das neue Album handelt von Themen wie Leben, Tod und Ewigkeit? Ist es eine Art Konzeptalbum?

Nein, eigentlich nicht. So arbeite ich üblicherweise nicht. Lieber lasse ich mich leiten von meinen Gefühlen, Stimmungen und Instinkten. Beim neuen Album habe ich früh gemerkt, dass es ein Rockalbum wird. Der Metal-Einfluss ist geringer als sonst, ich singe häufig in etwas höherer Tonlage, du kannst jedes Instrument heraushören und vor allem: Die Melodien sitzen im Fahrersitz und sagen den Songs, wo es langgeht.

Sie sagen, Songschreiben ist stimmungsabhängig. Wie war denn Ihre Stimmung dieses Mal?

Wenn ich mit der Gitarre zu Hause sitze und komponiere, dann empfinde ich dabei immer ein unheimlich starkes Glücksgefühl. Dieses Mal ging es aber auch emotional bei mir zur Sache: Die Scheidung von meiner Ex-Frau, dann meine neue Freundin. Es war ganz schön heftig. Mit der Musik ist es eigentlich genauso wie mit diesem neuen Mädchen: Du achtest auf deine Gefühle und schaust, wo sie dich hinführen.

Auch beruflich mussten Sie eine Trennung erleben – nämlich die vom Bassisten Anders Kjølholm. War das abzusehen nach 15 gemeinsamen Jahren?

Nein, mit Anders sind wir zwar durch Höhen und Tiefen gegangen, aber wir haben immer zusammengehalten. Aber es ist in einer Band tatsächlich wie in einer Ehe: Manche Paare und manche Bands bleiben für immer zusammen, andere trennen sich. Wir hatten immer wieder Auseinandersetzungen mit Anders, und dann kam der Punkt, an dem wir sie nicht mehr ausräumen konnten, und uns die Basis fehlte, auf der wir noch Kompromisse eingehen wollten. Die Trennung ist die beste Lösung für Volbeat und auch für Anders gewesen.