Kultur

Sieg mit einem Ei, das nicht hart werden will

Die in Berlin lebende Autorin Sharon Dodua Otoo gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis

„Manchmal wache ich auf und denke: Heute bin ich ein Ei. Zugegeben: Das passiert mir nicht oft“, heißt es im Text von Sharon Dodua Otoo. Mit ihrem amüsanten Werk überzeugte die Autorin die Juroren des Ingeborg-Bachmann-Preises. Die gebürtige Britin, die in Berlin lebt und arbeitet, erhielt dafür am Sonntag in Klagenfurt den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis der 40. „Tage der deutschsprachigen Literatur“. Die Kritiker verorteten den unaufgeregten Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ zwischen Parodie und Parabel. Die Morgenroutine des Ehepaars Gröttrup ist seit Jahren gleich. Den Abschluss des Frühstücks bildet stets ein siebeneinhalb Minuten gekochtes Ei. Eines Morgens weigert sich das Ei hart zu werden – bekommt ein Eigenleben und wird zum Ich-Erzähler. Literaturkritikerin Hildegard Keller fand, man könne nur schwer „vergnügter von der Reinkarnation erzählen“. Sie sah eine Persiflage auf Loriots Ei-Nummer mit hintergründigem Charme. Der Beitrag zeige auf, was der Bachmann-Preis auch zu seinem 40. Jubiläum leisten könne: „Einer neuen Stimme die Bühne zu geben, die es verdient hat.“

Die sichtlich gerührte Siegerin konnte ihr Glück kaum fassen und gestand: „Ich habe den Preis vorher eigentlich gar nicht gekannt.“ Hätte die in Berlin lebende Autorin um die Tradition des Wettlesens gewusste, hätte sie einen anderen Text eingereicht.

Im deutschsprachigen Literaturbetrieb war Sharon Dodua Otoo bislang kaum bekannt. Die Britin ist Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe „Witnessed“. Ihre erste Novelle erschien 2012. Ein Jahr später folgte die deutsche Übersetzung „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“. Ihre jüngste Novelle „Synchronicity“ kam vor zwei Jahren auf den Markt.

Teilnehmer aus acht Nationen präsentierten drei Tage lang ihre Werke. Die vier Preise gingen an vier verschiedene Nationen und stellten vor allem eine neue Generation starker Frauen ins Rampenlicht: Neben der Britin Otoo erhielten noch die Deutsche Julia Wolf und die Österreicherin Stefanie Sargnagel Auszeichnungen. Der Schweizer Dieter Zwicky blieb der einzige geehrte Mann.