Film

Michael Cimino: Zwei Filme reichten für den Kultstatus

Erst war er ein Wunderkind, dann verursachte er einen der größten Flops von Hollywood. Nun ist Kultregisseur Michael Cimino gestorben.

Küsschen für die Fans: Michael Cimino bei seinem letzten großen Auftritt in der Öffentlichkeit, im August 2015 auf dem Filmfestival von Locarno

Küsschen für die Fans: Michael Cimino bei seinem letzten großen Auftritt in der Öffentlichkeit, im August 2015 auf dem Filmfestival von Locarno

Foto: Urs Flueeler / dpa

Ein Filmskandal kann eine Karriere zerstören. Michael Cimino hat nicht nur einen, sondern gleich zwei überstanden – und das in nur zwei Jahren. Das aber hat seinen Status als Kult-Regisseur eher noch verstärkt. Nun ist der US-amerikanische Regisseur am Sonnabend im Alter von 77 Jahren verstorben.

Eklat auf der Berlinale

Der erste Eklat ereignete sich 1979 auf der Berlinale. Cimino stellte dort seinen zweiten Spielfilm „...die durch die Hölle gehen“ vor, ein schonungsloses, schockierendes Vietnamkriegsdrama. Wegen vermeintlich rassistischer Darstellung der Vietnamesen protestierte die sowjetische Delegation gegen den Film, zog all ihre Beiträge aus dem Programm und verließ die Festspiele.

Weitere Teilnehmer aus dem Ostblock und der Dritten Welt zogen nach, zwei Juroren traten von ihrem Amt zurück. Geschadet hat es nicht: Zwei Monate später gewann der Film fünf Oscars und Cimino selbst gleich zwei, für die Regie und den Besten Film.

Prompt wurde er als Wunderkind gehandelt, hatte für sein nächstes Projekt freie Hand und nutzte sie reichlich. „Heaven’s Gate – Das Tor zum Himmel“ (1980) war eine radikale Entzauberung des amerikanischen Pioniergeistes, ein Spätwestern, der aufdeckt, wie arme Neueinwanderer aus Europa von reichen Rinderbaronen unterdrückt und am Ende gar niedergemetzelt werden. Legendär sind die Geschichten, wie Michael Cimino die Drehtage überzog, das Budget von 7,5 Millionen auf 45 Millionen anschwellen ließ und 220 Stunden Material gedreht haben soll.

Seine Fünfeinhalb-Stunden-Fassung wurde von der Produktionsfirma United Artists um zwei Stunden gestutzt, erntete nur negative Kritiken und wurde einer der größten Flops der Filmgeschichte. Das ganze Studio ging darüber bankrott und wurde verkauft. Der Kultregisseur wurde zur Persona non grata, auf Jahre war es ihm unmöglich, amerikanische Geldgeber zu finden. Nur dem italienischen Produzenten Dino de Laurentiis war es zu verdanken, dass er fünf Jahre später sein Gangsterdrama „Im Jahr des Drachen“ realisieren konnte – womit er einen Teil der Kritiker wieder zurückgewann.

Nur sieben Filme hat Cimino gedreht, ein schmales Oeuvre, das noch schmaler wird, weil sein Erstling „Die Letzten beißen die Hunde“ zu Unrecht fast vergessen ist und die späteren Werke, das Mafia-Epos „Der Sizilianer“ (1987) und „24 Stunden in seiner Gewalt“ (1990) nicht an seine Hauptwerke heranreichen. Sein letzter Film „The Sunchaser“ (1994) kam in Deutschland gar nicht erst ins Kino, sondern gleich auf Video heraus.

Es bleiben aber die beiden Skandalfilme, die längst als Meisterwerke anerkannt sind, letzterer nicht zuletzt als der erste Film, dessen Director’s-Cut-Fassung im Kino ausgewertet wurde und den Blick auf das Werk änderte. Die Bedeutung Ciminos lässt sich nicht nur an seinen Werken festmachen, an seiner Person oszillierte das Machtspiel von eigener Handschrift gegen (scheinbar) übermächtige Filmstudios.

Tot in seiner Wohnung aufgefunden

Um den Regisseur, der 1932 in New York geboren wurde und 1971 nach Hollywood kam, war es zuletzt stiller geworden. Sein letztes Werk war der Kurzfilm „No Translation Needed“ in dem Episodenfilm „Chacun son cinéma“, in dem 36 Regisseure von Weltrang dem Kino huldigten. Seinen letzten großen Auftritt hatte Cimino vor knapp einem Jahr, als er im August auf dem Filmfestival von Locarno den Ehrenleoparden gewann.

Sein Tod kam völlig überraschend. Der Regisseur wurde leblos in seinem Haus in Los Angeles aufgefunden, zur Todesursache konnte sein Anwalt keine Angaben machen.