Hauptrolle Berlin

Liebling Kreuzberg: Noch einmal Herrn Lehman treffen

Das alte SO 36 als Insel der Bohème: Am 5. Juli stellt Leander Haußmann im Zoo Palast noch mal seinen Erfolgsfilm „Herr Lehmann“ vor.

Wie kommt man frühmorgens nach Hause, wenn ein knurrender Hund sich in den Weg stellt: Herr Lehmann (Christian Ulmen) lässt ihn einfach an seinem Hochpronzentigen  nuckeln

Wie kommt man frühmorgens nach Hause, wenn ein knurrender Hund sich in den Weg stellt: Herr Lehmann (Christian Ulmen) lässt ihn einfach an seinem Hochpronzentigen nuckeln

Foto: delphi

Ganz am Ende des Films kommt sie dann doch, die Mauer. Herr Lehmann sitzt, wie so oft, mit vielen anderen träge am Tresen. Da stolpert eine Trinkerin herein, fragt, ob man schon das Neueste gehört habe, die Mauer sei offen. Man fragt sich, ob man sich das nicht anschauen sollte, beschließt aber, erst mal sein Bier auszutrinken.

Herr Lehmann“ ist eine Geschichte aus der Wendezeit, aus den letzten Tagen vor dem Mauerfall. Aber – das war die mutige Zumutung sowohl des Romandebüts von Rockmusiker Sven Regener als auch der kongenialen Verfilmung von Leander Haußmann – eine Wendegeschichte unter Missachtung der Mauer, unter Aussparung der Weltereignisse.

Eine Wendegeschichte unter Aussparung der Mauer

Es geht um das kleine Soziotop Kreuzberg, genauer, den Szenekiez mit dem Postzustellbezirk SO 36, das schon mit dem anderen Kreuzberg 61 nichts mehr zu tun hat. Die Gedächtniskirche im Westen scheint Äonen entfernt, in den Osten geht man gleich gar nicht, über den läuft zwar was im Fernsehen, aber da hört man nicht hin. SO 36 ist eine Nische, ein Marthalerscher Wartesaal, eine urbane Insel der Bohème, in der sich Lebens- und Überlebenskünstler eingerichtet haben.

Leute wie Frank Lehmann, den alle duzen, aber nur beim Nachnamen nennen, der sein Geld als Zapfer hinterm Tresen verdient und nach Feierabend mit seinem Kumpel Karl um die Häuser zieht, in andere Kneipen, wo er dann auf der anderen Seite der Theke steht. Da trinken sie und quatschen sie und philosophieren sie. Über Gott und die Welt, auch wenn sie von der nicht viel mitbekommen. Bis die große Geschichte in die kleine platzt. Aber selbst da noch spiegelt der Mauerfall nur die Zusammenbrüche, die Herr Lehmann im Kleinen erlebt.

Jeden ersten Dienstag im Monat zeigt der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost in der Reihe „Hauptrolle Berlin“ genuine Berlin-Filme, in der die Stadt nicht nur die Kulisse stellt, sondern selbst eine zentrale Rolle spielt und ein Zeit-Bild, ein Lebensgefühl wiedergibt. „Herr Lehmann“ von 2003 darf in dieser Reihe nicht fehlen. Hier werden sie noch einmal wach und greifbar, die Achtziger Jahre im Kiez, als der noch nicht Kreuzkölln hieß,, eine Ära der Stagnation, in der Begriffe wie Kapitalismus oder Karriere noch Fremd-, ja Schimpfworte sind. Bis diese Nische dann mit dem Mauerfall ebenso weggespült wird wie die DDR.

Die große Geschichte und der kleine Alltag

Ein Topos, der Leander Haußmann schon deshalb interessieren musste, weil er quasi das Spiegelbild zu „Sonnenallee“ liefert. Jener Film handelte davon, dass keiner raus durfte, dieser davon, dass keiner raus wollte. Beide Filme behaupten letztlich für sich, dass das eigene Leben, der Liebeskummer, die kleinen Alltagsgeschichten wichtiger sind als die große Historie.

„Ich würde nicht sagen, dass die Typen, die wir hier erzählen, sich groß von denen im Prenzlauer Berg zu DDR-Zeiten unterscheiden“, hat Haußmann damals gesagt. „Im Übrigen ist es so, dass ich das viel mehr kenne als das, was ich in ,Sonnenallee’ erzähle.“

„Herr Lehmann“ ist auch die Geschichte einer Freundschaft. Nicht nur die von Herrn Lehmann und seinem Kumpel Karl. Sondern auch die von Haußmann und Regener. Kennen gelernt haben sich die beiden im Jahr 2000, als der Regisseur Regeners Band Element of Crime für eine seiner Theater-Inszenierungen in Bochum haben wollte. Das war dann seine letzte Inszenierung dort, das hatte aber nichts mit Regener zu tun und ist eine andere Geschichte.

Sie sind darüber Freunde geworden, die sich öfter auf einen Vormittagskaffee trafen, aus dem nicht selten ein Vormittagsbier wurde. Als Regener 2001 sein Buch veröffentlichte, über jene Zeit, die der Bremer Ende der 80er-Jahre in Berlin erlebt hat, war Haußmann einer der ersten, der es lesen durfte.

Er hat es dann gleich für den „Spiegel“ rezensiert und geschwelgt: „Wer aber ist Herr Lehmann? Kurz gesagt: Herr Lehmann sind wir. Und doch ist Herr Lehmann etwas Besonderes (als ob wir das nicht wären). Herr Lehmann ist ein Schelm. Ein Schelm der 80-er, der 90-er, vielleicht des 20. Jahrhunderts. Ein Simplicius Simplicissimus frei nach Grimmelshausen, aber in Berlin.“ Und sein Dreißigjähriger Krieg sei dann – der Alltag im alten West-Berlin.

Haußmann hat das Buch nicht nur rezensiert, er wusste schon nach drei Seiten, dass er es auch verfilmen wollte. Er hat dann nicht nur die Filmrechte, sondern Regener auch noch als Drehbuchautor gewinnen können. Aber im Gegensatz zu Thomas Brussig, mit dem sich Haußmann während „Sonnenallee“ zerstritten hatte, blieb „Herr Lehmann“ ein Produkt gegenseitigen Vertrauens und Respekts.

Gedreht wurde vor Ort, am Kotti-Tor, im Wrangelkiez, im „Elefanten“ am Heinrichplatz, in der „Madonna“, die das Vorbild für Regeners fiktive Kneipe „Einfall“ war. Einige wenige Szenen wurden in der Außenkulisse Berliner Straße in Babelsberg ergänzt. Nur die Markthalle in der Pücklerstraße, wo Karl als Ober arbeitet und Herr Lehmann sich in die schöne Köchin und deren Schweinebraten verliebt, die ist nicht echt, die wurde komplett im Studio nachgebaut.

Der Karrieresprung für Christian Ulmen

Wie das Buch wurde auch der Film schnell Kult. Das lag natürlich an der authentischen Verortung: Auch wenn die als ironische Kunstwelt inszeniert wurde, sollte es schon bald zu Stadtführungen auf den Spuren von Herrn Lehmann geben. Es lag aber zugleich an der mutigen Besetzung mit gleich zwei nicht-professionellen Hauptakteuren.

Als Karl Detlev Buck, der schon in „Sonnenallee“ als „Abschnittsbevollmächtigter“ auftrat und der „Herr Lehmann“ mitproduziert hat. Und als Herr Lehmann Christian Ulmen. Da haben Fans des Buchs erst mal geschluckt: Ulmen, das war doch dieser MTV-Moderator, diese Quasselstrippe, der „TV-Kasper“, wie der sich selber nannte.

Niederschmetternde Diagnose für eine ganze Ära

Aber obschon Ulmen hier erst seinen zweiten Kinofilm und seine erste Hauptrolle absolvierte, überraschte er alle und stattete Herrn Lehmann mit der ihm eigenen Schlurfigkeit aus, die sein Markenzeichen ist. Haußmann gelang damit nicht nur ein Besetzungscoup, er hat auch einem Star zum Start verholfen.

In den Nebenrollen spielen lauter Freunde und Weggefährten mit, etwa Thomas Brussig als DDR-Zöllner oder Steffi Kühnert als Botin des Mauerfalls. Und Christoph Waltz zaubert ein kleines Kabinettstückchen hin, wenn er als Arzt nicht nur dem depressiven Karl eine niederschmetternde Diagnose stellt, sondern letztlich dem ganzen Kreuzberg der letzten Vorwende-Tage.

„Herr Lehmann“: Zoo Palast, Dienstag, 5. Juli, 20 Uhr in Anwesenheit von Leander Haußmann. Tickets unter www.zoopalast-berlin.de zu Morgenpost-Konditionen