Bühnen-Rückzug

Cindy aus Marzahn macht es vor: Schluss mit lustig!

Ilka Bessin will nicht mehr Cindy sein und lieber XXL-Mode entwerfen. Nicht jedem fällt der Abschied von seiner Kunstfigur so leicht.

Cindy aus Marzahn im rosa Strampelanzug. Die Kunstfigur wird es nach dem Willen ihrer Schöpferin Ilka Bessin bald nicht mehr geben

Cindy aus Marzahn im rosa Strampelanzug. Die Kunstfigur wird es nach dem Willen ihrer Schöpferin Ilka Bessin bald nicht mehr geben

Foto: Michael Kappeler / dpa

Den letzten Auftritt hatte sie schon im Juni, in Mannheim. Ihre Fans wussten von nichts, sie wollte „kein Brimborium“. Am Sonnabend aber hat Cindy aus Marzahn auf Facebook öffentlich ihr Ende bekannt gegeben: „Ja, ich werde meine Krone und den Jogginganzug an den Haken hängen und gehen.“

Elf Jahre lang stand Ilka Bessin, so der bürgerliche Name der Komikerin, als Cindy auf der Bühne. Eine sensationelle Karriere. 2005 war sie noch arbeitslos gemeldet, dann erfand sie sich ihr Alter Ego, die übergewichtige, stets pink gekleidete Hartz-IV-Empfängerin mit Kodderschnauze, begann im Berliner Quatsch Comedy Club und wurde schnell populär. Sie durfte sogar in Deutschlands beliebtester Unterhaltungsshow „Wetten, dass ..?“ assistieren und stellte den eigentlichen Moderator Markus Lanz in den Schatten.

„Man darf so eine Figur nicht totspielen“

Alles vorbei. Künftig will die 44-Jährige Mode für Übergewichtige entwerfen. Warum sie Schluss macht, verriet sie auf gewohnt derbe, aber überraschend weitsichtige Art, dem „Spiegel“: „Wenn man sich elf Jahre lang Abend für Abend eine Perücke aufsetzt und einen pinkfarbenen Jogginganzug anzieht, muss man aufpassen, dass die Leute nicht irgendwann sagen: ,Boah, ich kann den Scheiß nicht mehr sehen.’ So weit soll es nicht kommen.“ Sie zeigt damit mehr Gespür als mancher Kollege: „Man darf so eine Figur nicht totspielen.“

Einer, der es vorgemacht hat, war Hape Kerkeling. Der hat gleich mehrere Kunstfiguren entwickelt, aber manche gewannen ein Eigenleben. Am Ende war sein Horst Schlämmer fast populärer als Kerkeling selbst. Deshalb verabschiedete er sich vor zwei Jahren gleich ganz aus dem Showbiz.

Christoph Maria Herbst ging es ähnlich. Er kann sich über mangelnde Rollen wahrlich nicht beklagen. Aber auch ihm war irgendwann nicht mehr geheuer, dass er nur noch als Stromberg mit Halbglatze und Klobrillenbart wahrgenommen wurde. Vor zwei Jahren verabschiedete er sich von der TV-Kultfigur mit einem Finale im Kino.

Dieter Hallervorden hadert noch heute mit der Tatsache, dass viele ihn nur als „Didi“ sehen. Die Kunstfigur aus der TV-Serie „Nonstop Nonsens“ hat ihm in den 70er-Jahren zu Ruhm und Geld verholfen, ihn aber auch in eine enge Schublade katapultiert. Er hat schließlich das Schlossparktheater in Berlin-Steglitz übernommen und alle Skeptiker, die ihm das nicht zutrauten, eines Besseren belehrt. Seither konnte er sich in Filmen wie „Sein letztes Rennen“ oder „Honig im Kopf“ sogar als Charakterschauspieler beweisen. Den Didi wird er trotzdem nicht los.

In früheren Zeiten haben sich Komiker immer neue Figuren ausgeheckt – und standen am Ende hinter allem. Seit den 90er-Jahren und dem Siegeszug der Stand-up-Comedy in Deutschland aber reduzieren immer mehr Komiker ihren Beruf auf nur eine Figur – und verschwinden beinahe dahinter. Ulrich Michael Heissig erfand vor 20 Jahren Irmgard Knef, die „verleugnete“ Schwester von Hilde Knef – und hält noch immer an ihr fest, auch wenn die echte Knef seit 14 Jahren tot ist.

Noch ein Jahr älter ist die Figur von Atze Schröder, und bis heute ist nicht bekannt, wer eigentlich hinter den Minipli-Löckchen und der blau getönten Brille steckt: Der Darsteller lehnt die Offenlegung seiner bürgerlichen Identität ab und geht sogar gerichtlich dagegen vor.

Weit interessanter aber als die wahre Identität ist die Frage, welche Halbwertszeit solche Kunstfiguren haben. Ob Atze Schröder, Kurt Krömer oder Martin „Maddin“ Schneider: All diese Typen kommen einmal in die Jahre. Und ihre Darsteller sollten schon darüber nachdenken, wie lange man über ein und denselben Affekt lachen kann.

Nur wenigen gelingt es, wie Herbst oder Cordula Stratmann, eine Figur zu beerdigen und trotzdem weiterzumachen. Da wirkt die Entscheidung von Cindy, pardon: Ilka Bessin, erst mal ganz neue Wege zu beschreiten, fast schon weise. Und auch beim Kaltausstieg hilft die Kunstfigur: Ohne Kostüm wird sie auf der Straße wohl keiner erkennen.