Kultur

Dem Wal auf der Spur

François Garde unternimmt in „Das Lachen der Wale“ eine Reise zwischen Kulturgeschichte, Philosophie und Poesie

„Und da führte mich meine widerspenstige Feder auf den Grund der Ozeane“, schreibt François Garde auf den ersten Seiten von „Das Lachen der Wale – eine ozeanische Reise“, in diesem Frühjahr bei C.H. Beck in der Übersetzung von Thomas Schultz erschienen. Ein Buch über das Suchen und Finden jener Spuren, die das „Monster mit Glupschaugen und wogenden Flossen“ in unserer Welt hinterlassen hat. Ein Buch, schillernd zwischen Kulturgeschichte, Philosophie und Poesie, wie man es wohl nur in Frankreich zu schreiben versteht.

Garde jagt nach dem Wal, mit Sätzen statt Harpunen – „in Städten, Schlössern und Kirchen. In Liedern und Träumen. In Museen und Geschäften. In Zauberbüchern und auf Landkarten. Beim Durchblättern eines Lexikons von hinten nach vorn. Im Himmel und sogar jenseits der Sterne.“ Er begibt sich gewissermaßen auf Walfahrt und begegnet dem Tier auf verschiedensten Schauplätzen. Dabei ergründet er das Verhältnis von Mensch zu Wal, spürt dieser Verbindung nach. Garde macht den Wal für uns greifbarer. Durch Wörter: „Wörter, die vom Wal erzählen in all seinen Zuständen.“ Seine Sprache ist schwingend, mitreißend, poetisch. Manchmal lässt sie schmunzeln, unterstreicht die ungebremste Faszination, die der Mensch für den Wal hegt: „Über uns schwimmt ständig ein gewaltiger, unermesslich großer, nicht deutlich erkennbarer, treuer, ewiger Wal. Fortan gehe ich nachts in der vagen Angst spazieren, ein Wal könnte mir auf den Kopf fallen.“

Der Wal lebt, laut Garde, so versteckt, dass er für den Menschen in seiner realen Form nahezu unsichtbar ist, und doch allgegenwärtig: Er begegnet uns als Stofftier, als Logo, als Abdruck auf einem Duschvorhang. Wir verniedlichen den Meeresriesen: „Trotz seines Gewichts ist das Tier harmlos und wirkt nicht gefährlich. Keinerlei Krallen, scharfe Zähne, Stachel oder Gift, nicht mal unter der Haut spielende Muskeln.“

Wir sympathisieren mit einem Wesen, das wir kaum kennen, und können den Moment kaum erwarten, in dem wir ihn für eine Sekunde mit eigenen Augen betrachten können. Wenn wir zur richtigen Zeit auf dem richtigen Ozean sind und in der Ferne eine Schwanzflosse ins Wasser platscht, ein Buckel die Wasseroberfläche durchbricht.

„Ja, ich will dem Wal ins Gesicht sehen“, schreibt Garde. Diese Begegnung ist immer nur ein kurzes Vergnügen und fasziniert doch die Welt. „Dem Wal ergeht es wie einer Diva beim Verlassen des Theaters, umringt, ja umzingelt von einer Menge leidenschaftlicher Verehrer.“ Vom Wal geht eine Macht aus, die den Menschen ergreift, seit er ihn das erste Mal sah. Er ist das größte Tier auf der Erde, ist uns um Längen und auch um Leben voraus: Er überdauert ein ganzes Jahrhundert. Auch unsere Sympathie für ihn scheint für die Ewigkeit gemacht. Dieser Faszination spürt Garde in seinem Buch nach.

Der Wal erscheint uns als geselliger Gefährte. Er winkt uns mit seiner Flosse zu und bespaßt uns mit Wasserfontänen. Doch tut er dies, wie der Titel von Gardes Buch vermuten lässt, mit einem Lachen? Der Autor verneint. „Die Wale singen vielleicht, aber lachen tun sie mit Sicherheit nicht. Sie stoßen keinerlei Töne über Wasser aus. Weder ihre Freude am Leben noch ihr Sinn für Humor sind bewiesen.“ Sein Ruf als freundlicher Zeitgenosse besteht dennoch.

„Das Lachen der Wale“ ermuntert dazu, die Ozeane genauer in den Blick zu nehmen und die „konfuse Ergriffenheit“, die der Auftritt eines Wals in uns auszulösen vermag, selbst zu erleben. Oder sich nach ihm zu sehnen: dass er unverhofft am Horizont auftaucht – ob er nun lacht oder nicht.