Kultur

Klagelied auf diesen irren Planeten

Sängerin Anohni, früher Antony Hegarty, besingt im Tempodrom den Zustand der Welt

Es ist einfach, sich über Anohni lustig zu machen. Auf ihrem neuen Album „Hopelessness“ versammelt die Transgender-Sängerin, die vor nicht allzu langer Zeit noch unter dem Namen Antony Hegarty auftrat, bierernste, pathetische Protestsongs, wie man sie seit den 80er-Jahren nicht mehr gehört hat. Jedes der elf Lieder, die sie zusammen mit den Elektroproduzenten Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never aufgenommen hat, adressiert einen anderen Missstand dieser Welt: Drohnenkriege, Bankengier, Erderwärmung, multinationale Konzerne, you name it. Ein Song mit dem unmissverständlichen Titel „Obama“ setzt sich mit dem noch amtierenden US-Präsidenten auseinander, der aus Anohnis Sicht auf ganzer Linie enttäuscht hat.

Passend zur neuen Direktheit verzichtet die britisch-amerikanische Musikerin bei ihrem ersten Deutschlandauftritt unter neuem Namen auf eine Vorband. Stattdessen darf Supermodel Naomi Campbell auf der großen Bühnenleinwand einen enervierend endlosen Tanz aufführen, der einigen Besuchern Pfiffe entlockt, die eher Ungeduld als Campbells freizügigem Outfit geschuldet sind.

Nach gut 25 Minuten ertönt endlich Anohnis unverkennbare Stimme, die so honigzäh und drängend zugleich ist. Die 44-Jährige trägt eine weiße Robe mit Kapuze, irgendwo zwischen Imker- und Strahlenanzug, ihr Gesicht ist von einem schwarzen Netzschleier verdeckt, unter dem ihre Mimik nur zu erahnen ist. Statt ihrer selbst untermalen ausdrucksstarke Frauengesichter den emotionalen Gehalt der Stücke, bei jedem Song erscheint ein neues auf der riesigen Leinwand, das entweder mitsingt oder die anklagenden Texte allein über die entwaffnende Kraft immer trauriger werdender Augen transportiert. Der oft schmalzige Kammer-Pop ihrer früheren Band Antony and the Johnsons ist elektronisch zerklüftetem Unheil gewichen. Von zwei Laptopmusikern flankiert steht Anohni auf einem kleinen Treppchen in der Bühnenmitte und wirkt bei hymnischen Stücken wie „I Don’t Love You Anymore“ und „Ricochet“ wie das Orakel eines griechischen Dramas oder die unheimliche Priesterin aus Arnold Böcklins „Toteninsel“. Zusammen entfacht das Trio beunruhigende Endzeitlieder, in denen Anohni über alle noch kommenden Katastrophen zu trauern scheint.

Bei „Obama“ schleicht sie wie ein Gefangener von einer Bühnenseite zur anderen, möglicherweise ein Kommentar auf das Internierungslager von Guantanamo, das trotz Obamas Versprechen noch immer existiert. Gegen Ende des brodelnden Tracks schleudert sie im Gestus eines Klageweibs die Arme in die Luft und heult „Ow- Ow- Ow-BAMA!“ Plötzlich wirkt der ganze Auftritt wieder albern und affektiert, und man wundert sich, dass es nicht schon unzählige Parodien davon gibt.

Als dann aber beim Stück „Crisis“ eine junge Frau mit überlebensgroßen Augen auf der Leinwand erscheint und den Text mitsprechend, fragt: „If I killed your mother/ With a drone bomb/ How would you feel?“, und dann überlebensgroße Tränen aus ihren Augen kullern, begreift man, dass Anohnis Musik perfekt zu diesem irregewordenen Planeten passt, und kein Zeitpunkt besser wäre, die Dinge mit diesem größtmöglichen Gestus zu beklagen, als jetzt.