Konzert in Berlin

Anohni lässt ihre Fans im Tempodrom warten

Der Auftritt der Sängerin in Berlin zeigt: Anohnis Musik passt perfekt zu diesem scheinbar irre gewordenen Planeten.

Erst nach gut 25 Minuten ertönt endlich Anohnis (rechts unten) unverkennbare Stimme beim Konzert in Berlin

Erst nach gut 25 Minuten ertönt endlich Anohnis (rechts unten) unverkennbare Stimme beim Konzert in Berlin

Foto: Redferns/Getty Images

Es ist einfach, sich über Anohni lustig zu machen. Auf ihrem neuen Album „Hopelessness“ versammelt die Transgender-Sängerin, die vor nicht allzu langer Zeit noch unter dem Namen Antony Hegarty auftrat, unangenehm bierernste, pathetische Protestsongs, wie man sie seit den 80er-Jahren nicht mehr gehört hat. Jedes der elf Lieder, die sie zusammen mit den Elektroproduzenten Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never aufgenommen hat, thematisiert einen anderen Missstand dieser Welt: Drohnenkriege, Bankengier, Erderwärmung, multinationale Konzerne, you name it. Ein Song mit dem umissverständlichen Titel „Obama“ setzt sich mit dem noch amtierenden US-Präsidenten auseinander, der aus Anohnis Sicht auf ganzer Linie enttäuscht hat.

Passend zur neuen Direktheit verzichtet die britisch-amerikanische Musikerin im Berliner Tempodrom, bei ihrem ersten Deutschlandauftritt unter neuem Namen, auf eine Vorband. Stattdessen darf Supermodel Naomi Campbell, die bereits die Hauptrolle im Musikvideo zu „Drone Bomb Me“ spielte, auf der großen Bühnenleinwand einen enervierend endlosen Tanz aufführen, der einigen Besuchern Pfiffe entlockt, die eher Ungeduld als Campbells freizügigem Outfit geschuldet sind.

Ausdrucksstarke Frauengesichter auf der Leinwand

Nach gut 25 Minuten ertönt endlich Anohnis unverkennbare Stimme, die so honigzäh und drängend zugleich ist. Die 44-Jährige trägt eine weiße Robe mit Kapuze, irgendwo zwischen Imker-und Strahlenanzug. Ihr Gesicht ist von einem schwarzen Netzschleier verdeckt, unter dem ihre Mimik nur zu erahnen ist. Statt ihrer selbst untermalen ausdrucksstarke Frauengesichter den emotionalen Gehalt der Stücke. Bei jedem Song erscheint ein neues auf der riesigen Leinwand, das entweder mitsingt oder die anklagenden Texte allein über die entwaffnende Kraft immer trauriger werdender Augen transportiert.

Der oft schmalzige Kammer-Pop ihrer früheren Band Antony and the Johnsons ist elektronisch zerklüftetem Unheil gewichen. Die von zwei Laptopmusikern flankierte Anohni steht auf einem kleinen Treppchen in der Bühnenmitte und wirkt bei hymnischen Stücken wie „I Don’t Love You Anymore“ und „Ricochet“ wie das Orakel eines griechischen Dramas oder die unheimliche Priesterin aus Arnold Böcklins „Toteninsel“. Zusammen entfacht das Trio beunruhigende, theatralische Endzeitlieder, in denen Anohni über alle noch kommenden Katastrophen zu trauern scheint.

Plötzlich wirkt der ganze Auftritt wieder albern

Beim Song „Obama“ schleicht sie wie ein Gefangener von einer Bühnenseite zur anderen, möglicherweise ein Kommentar auf das Gefangenenlager von Guantanamo, das trotz Obamas Versprechen noch immer existiert. Gegen Ende des brodelnden Tracks schleudert sie im übertriebenen Gestus eines Klageweibs die Arme in die Luft und heult „Ow- Ow- Ow-BAMA!“ Plötzlich wirkt der ganze Auftritt wieder albern und affektiert, und man wundert sich, dass es nicht schon unzählige Parodien davon gibt.

Als dann aber beim Stück „Crisis“ eine junge Frau mit überlebensgroßen Augen auf der Leinwand erscheint und den Text mitsprechend, fragt: If I killed your mother/ With a drone bomb/ How would you feel? If I filled up your mass graves/ And attacked your countries/ Under false premise?“, und dann plötzlich überlebensgroße Tränen aus ihren Augen kullern, begreift man, dass Anohnis Musik perfekt zu diesem scheinbar irre gewordenen Planeten passt, und kein Zeitpunkt besser wäre, die Dinge so direkt und mit dem größtmöglichen Gestus zu beklagen als jetzt.