Kultur

Ein Klaviervirtuose, der sich dem Orchester anpasst

Sir András Schiff spielt unter Leitung von Daniel Barenboim

Das letzte Abonnementkonzert der Staatskapelle in dieser Saison verspricht Spannendes: András Schiff und Daniel Barenboim treffen aufeinander, zwei Künstlerpersönlichkeiten, die unterschiedlicher kaum sein können. Hier der detailverliebte Ungar, der für sein lineares, am Bach’schen Kontrapunkt geschultes Klavierspiel bekannt ist. Dort der energiegeladene Argentinier, für den die Harmonik höchste Priorität hat. Bartóks Klavierkonzert Nr. 1 haben sich Schiff und Barenboim ausgesucht, ein perkussives Virtuosenwerk in der Tradition von Strawinsky und Prokofieff. Ein Werk von 1926, in dem sich Bartók in wild gehämmerten Fortissimo-Orgien auslebt.

Sir András Schiff sieht das in der Philharmonie allerdings ganz anders. Er legt seinen Part zurückhaltend an, bewahrt auch in den perkussivsten Momenten Klangkultur und Geistesgegenwart. Schiff präsentiert sich nicht als Virtuose, der den Ton angibt, sondern als Kammermusiker, der sich in Barenboims dichten Orchesterklang fügt. Der voluminöse Streicherapparat der Staatskapelle zwingt das Publikum dazu, die Ohren gut zu spitzen. Ansonsten geht der eine oder andere Geistesblitz Schiffs im drängenden Miteinander unter. Und obwohl auch die Tempi in den Außensätzen zwischen Orchester und Solist nicht immer optimal abgestimmt scheinen: Dieser Bartók fasziniert von Anfang an – weil man hier erleben kann, wie sich zwei starke Charaktere auf hohem musikalischen Niveau zusammenraufen.

Sehr individuell wirkt auch András Schiffs Zugabe, die Bagatelle h-Moll op. 126 Nr. 4 von Beethoven. Der 62-jährige Pianist scheint hier noch unter dem Einfluss von Bartóks Klavierkonzert zu stehen. Er bietet abenteuerliche Akzentuierungen und einen rhythmischen Drive, dem man sich kaum entziehen kann.

Überraschend unspektakulär verläuft dagegen Jörg Widmanns Konzertouvertüre „Con Brio“ zu Beginn des Abends. Es ist ein zeitgenössisches Werk von 2008, das sich im Berliner Konzertleben mittlerweile etabliert hat. Eine Komposition, die sich eigentlich auf ziemlich frappierende Weise mit dem sinfonischen Geist Beethovens beschäftigt, vor allem mit jenem Furor und rhythmischen Drang, der nicht zuletzt die Siebte Sinfonie prägt. An Barenboims Interpretation frappiert an diesem Abend aber leider nichts. Er verordnet seinen Musikern so wenig Geräusch wie nötig und so viel Musik wie möglich. Die Folge: Jörg Widmanns „Con Brio“ wirkt etwas altmodisch. Und Beethovens Dritte? Beethovens umstrittene Metronomzahlen spielen in Barenboims Interpretationen keine Rolle. Er befragt die Musik, nicht die Musikwissenschaft. Seine Tempi wirken organisch, die Orchester-Tutti majestätisch. Es ist ein tadellos gelungener Beethoven, der an keiner Stelle nach Experiment klingt.