Kultur

Auf weißen Kissen gebettet

Ausgerechnet in Honeckers alter Fahrbereitschaft sucht Sammler Axel Haubrok in einer Ausstellung die alte „BRD“

So tief im Osten liegt die ehemalige Fahrbereitschaft Erich Honeckers nun auch wieder nicht. Vom Hauptbahnhof braucht man mit der Straßenbahn gerade einmal 30 Minuten. Die Fahrt nach Lichtenberg spült Erinnerungen an das Ost-Berlin zu DDR-Zeiten hoch: überall Plattenbauten, weite, öde Straßenzüge, ein ausgedehntes Industriegebiet. Am riesigen Dong Xuan Center mit rotgelber Leuchtreklame und kilometerlangen Markthallen ist die Haltestelle. Ein paar Meter weiter auf der anderen Straßenseite liegt die ehemalige Fahrbereitschaft.

Einst waren hier Limousinen geparkt, mit denen prominenter Besuch aus dem Westen durch den Ostteil der Stadt kutschiert wurde. Im Pförtnerhäuschen kann man noch die alten Schlüsselkästen sehen, im Gebäude weiter hinten entfaltet die einstige Bar ihren nostalgischen Charme. Inzwischen ist alles saniert, ein Gutteil davon in einen beeindruckenden Kunstraum verwandelt. Vor gut drei Jahren haben der Kunstsammler Axel Haubrok und seine Frau Barbara das ganze Areal erworben, insgesamt 19.000 Quadratmeter. Teile davon hat Haubrok an Künstler und Kuratoren, Teile an Gewerbetreibende vermietet. Kunst trifft hier auf den Arbeiter-Samariter-Bund, einen Kfz-Betrieb, eine Lackierfirma oder ein junges Unternehmen für Corporate Fashion.

In Abständen stellt Haubrok die Arbeiten seiner Sammlung aus, die zu den führenden Kollektionen in Deutschland gehört. Sie ist konsequent auf internationale Konzeptkunst ausgerichtet, mit viel Video, Fotografie und Installation.

Die Führung durch seine Ausstellung „BRD“ übernimmt Axel Haubrok persönlich. „BRD“ schmunzelt er, sei genau der richtige Titel für diesen Ort. Schließlich stamme diese Abkürzung für die Bundesrepublik Deutschland von der DDR, die damit eine Gleichstellung der beiden Staaten herstellen wollte. Für die Ausstellung druckte Haubrok aus Jux die ovalen Autoaufkleber neu: Nicht ein „D“ für Deutschland ist darauf zu lesen, sondern eben „BRD“. „Einerseits kreist sie spielerisch um Themen, die wir mit der alten Bundesrepublik verbinden – die schleppende Aufarbeitung der Nazizeit, Geldgier und Konsumwut, der damalige Pief und Ordnungswahn. Und dann besteht sie – bis auf eine Leihgabe – aus Werken der eigenen Sammlung.“ Das ist, ganz klar, natürlich nicht streng kunstgeschichtlich zu betrachten.

Schon am Eingang wird man von einer großen Tafel mit Plakaten von Klaus Staeck empfangen, die von 1970 bis 1990 das politische Geschehen kommentieren: Ausländerfeindlichkeit, Lauschangriff, Gleichberechtigung der Geschlechter und die Vormacht des Geldes. Christoph Büchels Tisch einer imaginären Toilettenfrau mit dem Teller voller Kleingeld darauf, dem Kreuzworträtsel, der aktuellen Ausgabe einer Boulevardzeitung sowie einem Radio soll westdeutsche Befindlichkeit en miniature spiegeln. Und das weiße Kissen von Hans-Peter Feldmann mit akkuratem Knick lässt erahnen, wie piefig es im Westen zuging. Im Pförtnerhäuschen schlagen die Arbeiten von Gerhard Richter und Wolfgang Tillmans die finstersten Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik auf: die Zeit der RAF und des Terrorismus.

Haubrok ist einer der umtriebigsten Sammler in Berlin, regelmäßig besucht er Galerien und bietet gern mal in den Berliner Auktionshäusern mit. „Anfangs habe ich einige Werke von Künstlern meiner Generation gekauft“, erzählt Haubrok. „Später, als wir gezielt mit dem Aufbau der Sammlung begonnen haben, waren es vor allem jüngere Künstler, die uns interessierten. Jetzt sehe ich mich wieder eher nach den Ursprüngen dieser Arbeiten in der frühen Konzeptkunst der 70er-Jahre um.“ Die jüngeren Künstler waren anfangs noch unbekannt – und für Sammler bezahlbar. Inzwischen hat sich das Blatt allerdings gewendet.

Fahrbereitschaft, Herzbergstr. 40–43. Bis 16. Juli. Anmeldung: info@haubrok.org.