Klassik-Kritik

Alter Krieger jagt Monsterspinne durchs Konzerthaus

Chefdirigent Iván Fischer setzt als Komponist auf die Satire

Eigentlich ist Iván Fischer Chefdirigent am Konzerthaus, diesmal hat er als Komponist in den Werner-Otto-Saal geladen. Dort offenbart sich die bislang unbekannte Seite des ungarischen Künstlers. Als Komponist pflegt Fischer das Understatement. Seine Musik gibt sich leicht und verspielt, will bloß keine große Kunst sein. Aber unter der Oberfläche brodeln Gefühle, die sich hinter musikalisch-skurrilen Eskapaden verstecken wollen und nicht leicht zu erhaschen sind. Vielleicht passt am besten der Begriff Melancholie, vielleicht ist es aber eher der Versuch, sie nicht zuzulassen. Fischer, der bekanntlich auch ein großartiger Moderator ist, lockt sein Publikum mit feinem, leisem Witz gern auf falsche Fährten – vielleicht, um es ihm leichter zu machen. Sein Stück „La Malinconia“ (Melancholie) auf einen Text des Italieners Umberto Saba für Frauenchor, Flöte und Bassklarinette kommentiert Fischer kurz: „Mit einem Glas Wein deprimiert herumsitzen.“

Am offensten, auch artifiziellsten tritt Trauer in „A nay Kleyd“ auf, ein Lied, das Fischer zum Holocaustgedenktag 2010 geschrieben hat. Nach sieben langen Jahren trägt sie ein neues Kleid, aber es ist zu kurz für die Trauer, zu eng für den Kummer. Iván Fischer am Klavier und seine Tochter Nora Fischer, die über einen wandlungsfähigen Sopran verfügt, finden einen eindringlich schönen und zugleich schmerzhaften Ausdruck für Trauer, die sich immer wieder unerwartet im Leben meldet.

Insgesamt stehen neun Werke auf dem Programm. Es spielen Musiker des Konzerthausorchesters und des Budapest Festival Orchestra, es singen die Damen des Rias Kammerchors. Zur Eröffnung lässt Fischer seine schräge „Fanfare“ von 2011 spielen. Viele werden sie vom Berliner Festival Young Euro Classic her kennen. Fischer versteht sich als musikalischer Eklektiker, alle Stile sind erlaubt. Seine Stücke bewegen sich irgendwo zwischen Bach, Kurt Weill, Hanns Eisler und Chanson. Fischer favorisiert kurz aufsprühende Formen. Aber es handelt sich nie um Stilparodien, sondern um einverleibte Umarmungen. Das macht die Größe seiner Musik aus.

Hauptwerk des Abends ist Fischers satirische Oper „Tsuchigumo“, sie dauert knapp 20 Minuten. Vordergründig geht es in der Persiflage um einen No-Theaterstoff, in dem ein kranker Krieger die böse Erdspinne bekämpft und verfolgen lässt. Es gibt ein Stück barockes Konzert, französisches Chanson, No-Elemente und eine finale Moritat, die an einen russischen Revolutionschor erinnert. Ein Kaleidoskop (musikalischer) Erinnerungen. Und es bleibt zu fragen, wer ist eigentlich das schreckliche Monster, dass Fischer hier bekämpft? Der zweistündige Abend vergeht wie im Fluge. Es ist das beste Kompliment, dass man einem zeitgenössischen Komponisten machen kann.

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