Nachruf

Götz George - das Raubein der Nation

Berlin war seine Heimat, aber von ihr musste er sich erst emanzipieren: Zum Tode des Schauspielers Götz George.

Der Schauspieler Götz George ist tot

Der Schauspieler Götz George ist tot

Die Rolle, die ihn wohl am meisten herausforderte, hat Götz George erst vor drei Jahren gespielt. In „George“. Da spielte er aber nicht sich selbst, sondern seinen Vater, Heinrich George, der lange sein großer Überschatten war, an dem er lange gemessen wurde, mit dem ihn alle lange verglichen haben, er sich selbst auch. In dem Fernsehfilm musste Götz George auch jene Szene spielen, wie Heinrich George von den Russen in seiner Berliner Villa verhaftet wird, vor den Augen der Kinder. Und wie seine Frau, Berta Drews, ihn dann noch einmal im Speziallager Hohenschönhausen, wo er inhaftiert war, besuchte und den jüngeren, damals erst siebenjährigen Sohn mitnahm. An jenem 6. Dezember 1946 hatten sie sich das letzte Mal gesehen, der Sohn und der Vater. Sie hatten nur fünf Minuten. Als diese Szene nun nachgespielt wurde, hat Götz George kurz seinem jüngeren Ich in die Augen sehen müssen. Ein tief bewegender Moment.

Nun ist Götz George – wie in Teilausgaben der Morgenpost von gestern schon berichtet wurde – nur wenige Wochen vor seinem 78. Geburtstag gestorben. Bereits am 19. Juni, wie seine Agentin erst am späten Sonntagabend in Berlin bekannt gab.

Lange litt er unter dem ewigen Vergleich mit dem Vater

Der Vater hat ihn geprägt, an seinem Erbe hat er sich abgearbeitet. Die spätere Karriere war Götz George praktisch in die Wiege gelegt worden, als der Vater ihn Götz nannte, nach seiner Paraderolle, dem Götz von Berlichingen. Und wie den Vater, ein echter Theaterprinzipal, drängte es auch den Jungen auf die Bühne. Ans Hebbel-Theater, wo er im Oktober 1950 als Zwölfjähriger sein Debüt feierte. Und ins Schiller-Theater, das einst sein Vater geleitet hat. „War ich so gut wie Heinrich?“, fragte er, damals noch unbekümmert, seine Mutter Berta Drews, ebenfalls eine große Schauspielerin. Die Frage sollte er sich später immer wieder stellen.

Er passte nicht in die Zeit. Götz George war ein Mannsbild, ein echter Kerl, der auch ganz physisch spielte, wie der Vater. Nach der Kapitulation der Deutschen aber wollte man solche Männer nicht mehr sehen. Die Helden im deutschen Nachkriegsfilm waren effeminiert, wenn sie nicht gleich väterliche Adenauer-Figuren waren. George aber konnte seinen Prachttorso nicht verleugnen. Er konnte dagegen anspielen, ihn ironisch brechen, an ihm scheitern. Aber die Statur war erst mal da. Und hinderlich. Fast absurd, dass in den USA ein Kerl wie Marlon Brando zum Inbegriff des Kinorebellen wurde, in Deutschland aber ein anderer Berliner, der eher jungenhafte Horst Buchholz, zum „Halbstarken“ mutierte, während Götz George sein Leinwanddebüt in der Heimatschmonzette „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ neben Romy Schneider gab. In den „Winnetou“-Filmen durfte er dreimal den Actioner geben, und er tat dies ohne Double. Aber er blieb lange ein Fremdkörper im deutschen Kino. Und als die alte Filmindustrie zusammenbrach und der Neue Deutsche Film sich formierte, waren sowieso ganz andere Männertypen, Antiheroen gefragt.

Götz George hat dennoch in Filmen wie „Kirmes“ und vor allem in „Aus einem deutschen Leben“ früh seine Spannbreite, sein enormes schauspielerisches Können unter Beweis gestellt. Aber er blieb lange ein Übersehener, Übergangener. Und glaubte schon selbst nicht mehr an eine Karriere, bis er 1981 den „Tatort“ und das Fernsehen revolutionierte. Mit Flüchen und Kraftausdrücken, die nur zu gut zu Goethes Götz passten. Mit Schimmi war er das Raubein der Nation. Es war wie ein Befreiungsschlag. Weg vom ewigen Vergleich mit dem Vater. Auch wenn Götz George dann immer mit dieser Kunstfigur des Horst Schimanski verglichen und verwechselt wurde. Aber erst durch diese Figur wurde George als Schauspieler wahr- und ernst genommen. Erst danach kamen auch die großen dramatischen Rollen, erst danach wurde sein komödiantisches Talent entdeckt. Seine größten Triumphe und goldenen Jahre kamen – vielleicht kein Zufall – in einem Alter, das sein Vater schon nicht mehr erlebte. Und sie kamen, das muss man leider auch sagen, fast überwiegend außerhalb von Berlin. Als ob sich Götz George erst einen eigenen Freiraum erkämpfen musste.

An ihm hat sich die Nation gerieben und abgearbeitet

Mit Götz George ist nicht nur einer unserer größten Charakterschauspieler völlig überraschend von uns gegangen, in einem Jahr, das uns lauter Ikonen raubt. Unsere Bindung an ihn ist enger. An George hat sich die Bundesrepublik stetig gerieben, an ihm hat sie sich mit ihrer eigenen Männlichkeit, Mannbarkeit auseinandergesetzt. Dass sein Durchbruch als Schimmi just in die Zeit fiel, als Ina Deter von neuen Männern sang, die das Land brauchte, und damit ganz andere Mannsbilder meinte, ist ein ironisches Aperçu. Erst mit Schimanski hat die Nation gelernt, zu ihrer eigenen Männlichkeit zu stehen. Auch ein Grund, warum sich die Öffentlichkeit so lange an dieser öffentlichen Figur rieb, die Götz George eigentlich nie hatte sein wollen.

Deshalb wurde er auch in aller Stille im engsten Familienkreis begraben, und nicht etwa in Berlin, seiner Heimatstadt, wo der Vater sein Ehrengrab hat, sondern in Hamburg, wo er seit 1998 mit der Journalistin Marika Ullrich zusammengelebt hatte.