Klassik-Kritik

Innigkeit und Gelöstheit setzen sich durch

Tugan Sokhievs Abschied vom Deutschen Symphonieorchester

Tugan Sokhiev, der jetzt seinen Abschied mit einer repräsentativen Berlioz-Aufführung feiert, war nur eine Amtszeit Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters. Der Russe verlässt Berlin, um sich besser auf das Bolschoi-Theater konzentrieren zu können. Im Januar 2014 war er dort zum Musikdirektor und Chefdirigenten ernannt worden. Bei einem so jungen, talentierten Dirigenten war es nur eine Frage der Zeit, bis größere Orchester die Fühler nach ihm ausstrecken. Sokhiev, Jahrgang 1977, war die Doppelbelastung Berlin – Moskau in den letzten zwei Jahren leider recht deutlich anzuhören. Es gab DSO-Konzertprogramme, die teilweise unfertig klangen, Interpretationen, in denen Dirigent und Orchester keine überzeugende Einheit boten. Dass Sokhiev ohne Zweifel ein großer Interpret sein kann, bewies er aber an anderer Stelle umso nachhaltiger – bei seinen CD-Produktionen mit dem DSO, und nicht zuletzt auch als Gast bei den Berliner Philharmonikern. Das Auffällige: Es waren ausschließlich Werke französischer und russischer Komponisten, mit denen Sokhiev punkten konnte.

Diesen Schwerpunkt pflegt er nun auch an seinem hochambitionierten DSO-Abschiedsabend in der Philharmonie. Eine konzertante Aufführung von Berlioz‘ „La damnation de Faust“ steht auf dem Plan, eine umstrittene Oper. Und das DSO? Es zeigt sich an diesem Abend gespalten. In den ersten zwei Teilen der „dramatischen Legende“, wie Berlioz sie genannt hat, wirken die Musiker über weite Strecken distanziert – als würden sie der musikalischen Qualität nicht ganz trauen. Es fehlen Leichtigkeit, Raffinesse und Farbzauber. Paul Groves, der für den erkrankten Piotr Beczala sehr kurzfristig eingesprungen ist, liefert einen routinierten, wenig wandlungsfähigen Faust. In den Arien wirkt der metallene Tenor des US-Amerikaners statisch, in den Rezitativen dafür etwas lebendiger. Auch Ildebrando D’Arcangelos Mephisto macht keine wirkliche Entwicklung durch. Der italienische Bassbariton legt seine Figur von Beginn an seriös und gewichtig an, ohne Schalk und verführerische Eleganz.

Und doch geschieht ab dem dritten Teil der Oper etwas Überraschendes: Beim ersten Auftritt der Marguerite scheint plötzlich ein ganz anderes Orchester zu spielen, es herrschen Innigkeit und Gelöstheit. Es muss wohl an der Russin Agunda Kulaeva liegen, die ihrer Marguerite zwar keine kindliche Seele verleiht, dafür aber umso betörendere Launen einer reifen Diva. Die Russin bringt Bewegung und Flexibilität in die Aufführung, nicht nur wegen ihres athletisch ausgebildeten Mezzosoprans sondern vor allem durch ihre inspirierende Opernpräsenz. Für Sokhiev ist dies eine glückliche Fügung: Er vermag sich mit einer wunderbar schwebenden zweiten DSO-Konzerthälfte vom Berliner Publikum zu verabschieden.