Ausstellung

Ein Leben zwischen Fotos

„90 Jahre – 90 Fotos“: Der Fotograf F.C. Gundlach zeigt in einer Jubiläumsschau das „Best of“ seiner Karriere. Ein Besuch in der Galerie CFA.

Hat viele Reisen hinter sich: Fotograf F.C. Gundlach wählte 90 Fotos aus seinem Fundus aus. Alles Bilder, an denen er hängt

Hat viele Reisen hinter sich: Fotograf F.C. Gundlach wählte 90 Fotos aus seinem Fundus aus. Alles Bilder, an denen er hängt

Foto: Ricarda Spiegel

Knabenhaft sieht sie aus, ungeschminkt, etwas Verletzliches liegt in den feinen Linien um den Mund. So jung und schon so traurig, denken wir. „Da war sie ganz bei sich, doch auch sehr unsicher“, erzählt F.C. Gundlach. Zweimal muss man hinschauen, um zu erkennen, dass es die junge Romy Schneider ist. Gundlach hat die Schauspielerin 1961 in seinem Hamburger Studio fotografiert, 23 Jahre ist sie alt und die Sissi-Filme liegen hinter ihr. An die Hundert Fotos schießt der Hamburger von ihr.

Vier Stunden dauert das Shooting. Am Ende wird er eine Rechnung über 1000 Schweizer Franken stellen. Romy Schneider überweist, das Formular hat Gundlach aufbewahrt. Rosemarie Albach steht darunter – ihr bürgerlicher Name. „Die Fotos“, meint Gundlach, „waren für sie eben Privatsache“.

In seiner Geburtstagsshow „90 Jahre, 90 Fotos“ hat Romy Schneider an der Frontseite des Ausstellungsraumes im ersten Stock bei Contemporary Fine Arts (CFA) einen Premiumplatz bekommen. Der Sammler, einer der angesehensten Modefotografen der Nachkriegszeit, hat aus seinem gigantischen Fotooeuvre jene Bilder ausgewählt, die für ihn bedeutsam sind, an denen er hängt und die für ganz bestimmte Phasen in seiner Biografie stehen. Wenn man so will, ein Best-of seiner fotografischen Karriere.

Und das Erstaunlichste, der Mann kann sich an vieles so genau erinnern, als sei es vor drei Jahren und nicht vor über drei Jahrzehnten gewesen. Jedes Foto erzählt eine eigene Geschichte. Wenn Gundlach durch seine Ausstellung führt, dann als Flaneur durch Zeiten und viele, viele Länder, Ägypten, Frankreich, Thailand, Amerika, England, Peru, Brasilien. Porträts, Modeaufnahmen, Reportagen, Stadtansichten – alles dabei. Auch ein Wiedersehen mit Ikonen – wie die Op-Art-Models – gibt es.

Berlin ist bestens vertreten mit Modeaufnahmen

Ein Hingucker ist Uschi Obermaier mit drei roten aufblasbaren Puppen im Rücken auf einer roten Bank mit roten Schlaghosen – und Pullunder. Die Lippen genauso blutrot. „Uschi war nur gut, wenn sie nackt war“, sagt F.C.Gundlach. Dass meint er nicht sexistisch, sondern eben, dass ihre „aggressive Körperlichkeit“ ihre Ausstrahlung ausmachte. Und Schlaghosen samt Pullunder, sorry, sind ohnehin wie Liebestöter.

Auch Berlin ist bestens vertreten: mit Aufnahmen der Kreuzberger Kneipe „Leierkasten“ oder Mampe, dem knarzigen Atelier von Kurt Mühlenhaupt und Modefotos vor der Gedächtniskirche und dem Brandenburger Tor, fotografiert in der Woche, als die Mauer gebaut wurde. Diese Prints zeigen weit mehr als schicke Berliner Models, sondern ein flirrendes Kapitel Kulturgeschichte, das zeigt, wie vital und dynamisch die Stadt trotz Krieg und Zerstörung war. Trümmer? Die gibt es nicht auf Gundlachs Fotos, keiner wollte sie mehr sehen nach all dem Naziterror. Der „New Look“ war angesagt: raus aus der uniformierten Kleidung und damit Taille zeigen! Heute zieht jeder an, was er mag. Nicht unbedingt schöner, aber lockerer allemal, findet Gundlach.

Neben den Fotos gibt es Vitrinen, in denen Gundlach sein abwechslungsreiches Leben dokumentiert: Eintrittskarten zu den prominenten Fashionshows wie Dior, die Einladungskarte seiner ersten Ausstellung im Quartier Latin 1951 in Paris, die Rechnung seines ersten Porsche, Typ, 1600. Gekauft 1958, Kosten: 13.450 DM. „Der Preis von drei Volkswagen“, meint Gundlach. Gleich daneben sehen wir zahlreiche Negative von seinem Hund Boris, der eine „Phobie hatte, er konnte einfach nicht alleine sein“. Was Gundlach gelegentlich störte, wenn er fotografieren wollte, und der knuddelige Boxer das Bild kreuzte.

Einmalig ist sein Projekt „Freiheitsstatue“ 1958 in New York. Weil ihm die Fotogenehmigung dafür fehlte, mietete er zwei Hubschrauber, um die Figur mit Fackel in Augenhöhe zu fotografieren. Der Luftraum war damals frei. Wir sehen den jungen Gundlach, wie er bei offener Tür die Lady Liberty aufnimmt. Wenn er daran denkt, zittern ihm heute noch die Knie, so sagt er das.

Eine seiner ersten Fernreisen ging 1961 nach Angkor Wat, als noch keiner wusste, wo die Tempelanlagen überhaupt liegen und wie groß sie sind. Drei Wochen reiste er dort rum, er hatte eine alte französische Landkarte gefunden, die seine Fantasie beflügelt hatte. Hotels? Gab es damals dort noch nicht, auch keine richtige Straßenführung. Seiner Erinnerung nach war er damals der einzige Tourist.

Ein Fahrer kutschierte ihn mit dem Moped kreuz und quer durch die Gegend, ein Moskitonetz in einer Lodge musste als karges Nachtasyl reichen. Von diesem Abenteuerausflug zeigt Gundlach nun zwei verwaschene Steinköpfe großer Tempelanlagen, 30 Meter hoch – doch nicht verfugt. Flüchtige Gesichter, in denen Zeit eingeschrieben ist. Daneben hängt ein Porträt von Kippi, dem Anti-Künstler Martin Kippenberger, der sich mit 44 Jahren 1997 zu Tode gelebt hatte. Gundlach liebt genau diese Reibung und Brüche zwischen den Motiven. Die wilde, lockere Petersburger Hängung ist im Übrigen so, dass sich viele Geschichten ergeben. Also einfach treiben lassen.

Contemporary Fine Arts, Am Kupfergraben 10. Di–Sa 11–18 Uhr. Bis 10. September. Sommerpause: 2.–20. August