Kultur

Mit Alligator auf Reisen: „Albert muss nach Hause“

Elsie ist Homers Gattin und die wichtigste Person in seinem Leben. Umgekehrt gilt das allerdings nicht, denn zum einen scheint Elsie immer noch viel an ihren Ex-Liebhaber Buddy Ebsen zu denken, zum anderen ist da Albert, ein fast ausgewachsener Alligator, den Buddy Elsie zur Hochzeit geschenkt hat.

Homer duldet das vermeintlich dauergrinsende Reptil, mit dem er notgedrungen Haus und Elsie teilen muss. Doch als er eines Tages von dem Kaltblüter angegriffen wird, reißt ihm die Hutschnur. Er stellt seiner Frau ein Ultimatum. Sie soll sich zwischen ihm und dem Tier entscheiden. Das tut sie nach zwei Tagen, will sich von ihrem Liebling trennen, allerdings unter einer Bedingung: „Albert muss nach Hause.“ So heißt der neueste, jetzt ins Deutsche übersetzte Roman des US-Autors Homer Hickam Jr. Er berichtet über seine Eltern und ihre aberwitzige Reise in einem alten Buick Cabriolet durch die US-Südstaaten. Es ist 1935, das sechste Jahr der Großen Depression. Ausgangspunkt der Fahrt ist das triste Bergwerkstädtchen Coalwood in den Bergen von West Virginia. Das Ziel: Orlando im „Sunshine State“ Florida, wo Elsie vor ihrer Heirat eine Zeit lang bei einem Onkel gelebt hatte und Albert herstammt. So weit, so wahr, darf man annehmen. Nachdem Hickam Jr. 1998 mit seinen Memoiren namens „Rocket Boys“ groß herausgekommen war (der Stoff wurde 1999 sogar als „October Sky“ mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle verfilmt), hat er diesmal seinen Eltern ein literarisches Denkmal gesetzt. Er beruft sich dabei angeblich auf viele kleine Anekdoten, die seine Mutter ihm über die Jahre erzählt haben will. Ob das stimmt?

Auf dem langen Weg gen Süden stürzen die jungen Eheleute Hickam also mit Albert von einem Abenteuer ins nächste und machen unglaubliche Bekanntschaften: mit den Schriftstellern John Steinbeck und Ernest Hemingway beispielsweise. Darüber lernen sie jede Menge zwielichtige Gestalten kennen, Alkoholschmuggler, Piraten, Rebellen. Angelegt wie ein skurriles Roadmovie, in dem sich mit den durchquerten Landschaften auch die Menschen verändern. In puncto Absurdität und schwarzem Humor steht er auf jeden Fall Jonas Jonasson und dessen höchst erfolgreichen „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ (2013) in nichts nach.