Kultur

Amazonenkönigin in der Platte

Zwölf Orte, zwölf Autoren: Verena Güntner stelltbeim ersten Lesefestivalin Berlin ihren Großstadtroman vor

Ein zartes Mädchen wollte sie nie sein. Es hat sie auch gar nicht interessiert. Verena Güntner mag lieber das, was ihr fremd ist. Krachwumm, derbe Sprache, Machos, jugendliche Poser. Davon handelt ihr Debütroman „Es bringen“. Den wird die Berlinerin am heutigen Freitag beim ersten Leseclubfestival in Berlin besprechen. Güntner, 37, ist eine der zwölf ausgewählten Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die gleichzeitig und über die ganze Stadt verteilt über ihre Romane sprechen werden. Der Clou daran: Jeder Lesezirkel besteht aus 25 Teilnehmern, die das Buch im Vorfeld gelesen haben. „Ich finde das Konzept gut. Bisher hab ich noch nie an einer Lesung teilgenommen, wo alle Zuhörer meinen Roman kannten. Das wird intensiv“, glaubt Güntner. Dabei dürften solche Gespräche ihr nicht fremd sein. Erst dadurch ist es überhaupt zu ihrem Roman gekommen.

Früher, also vor ihrem literarischen Debüt, war sie Theaterschauspielerin, schreibt nur zum Spaß ein paar kleine Texte. „Rollenprosa“, wie sie das häufig nennt. Auf einmal war da eine laute Figur in ihrem Kopf, ein Teenager aus der Platte. Sie fängt an, das aufzuschreiben. Immer wieder liest sie sich selbst laut vor, was sie geschrieben hat. „Ist das auch authentisch? Würde das mein Protagonist echt sagen?“, fragt sie sich an ihrem Schöneberger Schreibtisch. Güntner imitiert den Jugendslang der Schwanzvergleicher und Freibadprotzer aus der Sozialsiedlung. Echte Machos. Immer wieder wird sie später gefragt werden, ob sie einen jüngeren Bruder habe. Hat sie nicht. Aber das habe sie sich doch nicht wirklich so real ausdenken könnten? Der Zweifel überrascht nicht. Die Berlinerin wirkt fragil, fast zu ballerinahaft für diesen Hau-drauf-Roman.

Immer auf der Suche nach fremden Welten

Der behandelt die Coming-of-Age-Geschichte des 16-jährigen Luis. Der Inbegriff eines Teenagers aus dem Sozialbau. Eine Welt, die ihr fremd ist. Das merkt man an der Art, wie sie darüber spricht – fast mit wissenschaftlicher Neugier – aber, klar, auch an ihrer Biografie. Güntner wächst in Bayern auf. Und, wie es so ist bei Landkindern, sehnt es sie nach dem, was sie nicht kennt. Großstadt. Die macht sie zum Setting ihres Romans. Ihr Icherzähler Luis spielt dort Sexwetten mit seinen Kumpels, trinkt, kämpft, ist – natürlich! – eigentlich recht clever, wächst aber ohne Vater und mit einer Mutter auf, die eigentlich eher seine Freundin denn Erzieherin ist. Deswegen erzieht Luis sich selbst. „Ich kenne so viele Bücher und Filme mit sympathischen Hängern als Protagonisten, da wollte ich schauen, ob auch das Gegenteil möglich ist“, sagt sie. Sie meint damit Filme wie den preisgekrönten Kinofilm „Oh Boy!“, und schreibt dagegen an. Sozusagen einen Anti-„Oh Boy!“. Man darf sich von ihm nicht täuschen lassen. Luis liebt zwar seine Platte, aber er ist ein Blender, der nach außen hinfort lacht, was ihn drinnen zum Weinen bringt. Nur auf den ersten Blick ist er ein Bringer. Auf den zweiten entlarvt er sich als Suchender – nach Halt, seinem Platz in der Welt. „Mich interessieren Figuren, die eine große Kraft haben, andererseits extreme Schwächen“, sagt Güntner und fühlt mit den Händen in der Luft ihren Wörtern nach.

Vielleicht ist es ihr deswegen schwergefallen, zarte Fräuleins zu spielen, als sie noch auf der Bühne stand, in Bremen. Da ist sie lieber die Amazonenkönigin als Goethes braves Gretchen. Die Brachiale. Die, die große Töne spuckt – auch wenn man ihr das nicht ansieht. Das hat sie mit in ihre Literatur genommen. Luis ist so ein Amazonenkönig, aber eben in der Sozialsiedlung, nicht im kleistschen Drama.

Ob es eine Hürde für sie ist, heute Abend den Text zu lesen? Mit all dem Gossenjargon? „Puh“, Güntner rollt mit ihren großen runden Augen. Am Anfang sei das schon ein bisschen so gewesen. Wenn sie isoliert Passagen gelesen habe, in denen es nur um Jennys Brüste und Saufgelage vor der Esso-Tankstelle geht. Jetzt nicht mehr. Beim Lesen ist eben Chuzpe gefragt.

Wie vor vier Jahren. Da stellt sie erste Textstellen beim OpenMike in Berlin vor, kommt ins Finale, wird zum renommierten Bachmann-Preis eingeladen, gewinnt eine der Auszeichnungen. Da war die Geschichte noch gar nicht fertig. Aber Güntner wusste, der Sound trägt. Das ist ihr wichtig. Sie sagt es immer wieder. „Hätte ich diese positiven Rückmeldungen nicht gehabt, hätte ich den Roman vielleicht nie zu Ende geschrieben“, sagt sie heute.

Gerade arbeite sie an ihrem nächsten Roman. Will aber noch nicht sagen, worum es geht. Das sei noch geheim. Aber nicht mehr lange. Sie ist eine der zwanzig Literatinnen und Literaten, die in diesem Jahr ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats erhalten. Im November sollen Texte vorgelesen werden. „Ich schwanke gerade zwischen zwei Projekten und weiß noch nicht, wie weit ich dann bin“, sagt sie. Zum Schreiben brauche sie Ruhe. Das ist gar nicht leicht mit zwei Kindern.