Kultur

Nézet-Séguin begeistert bei den Philharmonikern

Wie macht er das nur, dieser Yannick Nézet-Séguin? Wo immer der frankokanadische Dirigent zum ersten Mal auftaucht, wird er garantiert wieder eingeladen. So auch von den Berliner Philharmonikern, bei denen er vor sechs Jahren sein viel beachtetes Debüt feierte.

Mittlerweile ist der 41-jährige Nézet-Séguin nicht mehr nur Chef der Rotterdamer Philharmoniker. Er bekleidet seit 2012 auch den Musikdirektor-Posten des Philadelphia Orchestra. Doch damit nicht genug: Erst vor Kurzem wurde bekannt, dass Nézet-Séguin ab der Spielzeit 2021/22 zusätzlich die Nachfolge von James Levine an der New Yorker Met antreten wird. Wer nun wissen möchte, warum der Frankokanadier bei Orchestern so beliebt ist, kann es an diesem Abend bei den Berliner Philharmonikern mit eigenen Ohren und Augen erfahren. Und das, obwohl mit Bartóks Violinkonzert Nr. 1 und Schostakowitschs Sinfonie Nr. 13 nicht gerade leichte Kost auf dem Programm steht. Nézet-Séguins Erfolgsgeheimnis: Er lässt das Orchester atmen. Er zeigt sich stets offen für die Schönheiten der Musik. Schwung und Tiefgründigkeit, Eleganz und Detailreichtum verbinden sich bei ihm auf bemerkenswert natürliche Weise. Seine Körpersprache hat nichts Überhebliches, Befehlendes: Sie ist geprägt von aufrichtiger musikalischer Begeisterung, die sich unmittelbar überträgt.

In Bartóks Violinkonzert Nr. 1 kommt noch eine weitere Fähigkeit Nézet-Séguins hinzu: das hohe Einfühlungsvermögen in die Ausdruckswelten der Solistin. Die georgische Geigerin Lisa Batiashvili gehört seit einigen Jahren zu Nézet-Séguins bevorzugten musikalischen Partnerinnen. Sie pflegt an diesem Abend einen spätromantischen, angenehm fülligen Bartók-Ton. Dessen Werk ist angewiesen auf eine solch vollendete, überzeugende Darbietung aller Beteiligten. Bartóks posthum veröffentlichtes Violinkonzert an sich wirkt phasenweise recht unfertig. Bartók schrieb das Werk einst für die Geigerin Stefi Geyer, in die er heftig verliebt war – eine Art tönender Liebesbeweis, den die Solistin als so belastend empfand, dass sie die Partitur in der Schublade verschwinden ließ und bis zu ihrem Tod unter Verschluss hielt.

Ein anderes Schicksal dagegen ereilte Schostakowitschs Dreizehnte von 1962, die auf sehr offene Weise den so­wjetischen Antisemitismus thematisiert: Das Werk geriet in der Heimat des Komponisten schon bald auf den Index. Der Kopfsatz „Babi Jar“ thematisiert das Massaker an 33.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern während des Zweiten Weltkriegs.

In den anschließenden Publikumsjubel mischt sich auch Vorfreude auf kommenden Sonntag: Beim Waldbühnenkonzert wird Nézet-Séguin die Philharmoniker erneut leiten und anschließend mit ihnen auf Konzertreise gehen – mit einem Smetana-Dvořák-Programm und erneut Geigerin Lisa Batiashvili an seiner Seite.

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