Popkonzert

Beck in Berlin - Zum ersten Mal seit acht Jahren

Beck is back: Zum ersten Mal seit acht Jahren gibt der Musiker ein Konzert in Berlin - theatralisch, ironisch und mit buntem Stilmix.

Lässt sich nicht gerne fotografieren: Beck bei einem Konzert 2015.

Lässt sich nicht gerne fotografieren: Beck bei einem Konzert 2015.

Vermutlich wurde Beck schon so oft ein „musikalische Chamäleon“ genannt, dass sowohl er als auch das arme Tier es nicht mehr hören können. Aber da ist natürlich was dran: Nach dem Einstiegshit „Loser“, der von der Attitüde her noch halb im Grunge zu schwimmen schien, war Beck Hansen in den späten 90er Jahren so was wie der weiße Prince.

Ein Vorbild für ganze Horden junger Musiker: Tief informiert über Popgeschichte griff er nach allem, was ihm stilistisch in den Kram passte und jagte es durch einen höchst eigenen Teilchenbeschleuniger. Heraus kamen überdrehte Meisterwerke wie „Odelay“ (1996) oder „Midnite Vultures“ (1999), bei denen einem vor lauter Anspielungen und Halbzitaten die Ohren klingelten. Geburt des Nerds als Genie.

Auf sehr coole Art nerdig wirkt Beck – fünf Grammys später – auch heute noch, wenn er in engen schwarzen Jeans, schmalem Sakko und einem völlig verbotenen Hawaiihemd auf der Bühne der Columbiahalle steht. Klein ist er, blass und blond, und er trägt einen schwarzen Wanderpredierhut, der ihm das milchbubihaft Verschlagene des jungen Robert Mitchum in „Die Nacht des Jägers“ verleiht. Immer noch ein wenig ein Gymnasiast, der Rockstar werden will, aber zu früh zu viele Bücher gelesen hat.

Vieldeutiges macht ihn aus

Was nicht heißt, das Beck nicht all die sexy Tanzmoves drauf hätte, die man als Pop-Gott eben drauf haben muss. Er vollführt sie jedoch mit einer Mischung aus Theatralität und Ironie, die seine Person genau so schillern lässt wie seine Musik: zwischen derbem Beat und nie ganz ernst gemeintem Genre-Zappen. Eben dieses Vieldeutige ist es, was Beck und sein Werk ausmacht.

Seine perfekt getimte Band stürzt gleich zu Beginn in eine Hardrock-Version von „Devils Haircut“, laut und lärmig, voll auf die Zwölf. „Black Tambourine“ folgt mit Breakgewittern. Dazu flimmern 80er-Retro-Spielautomaten-Animationen über die Leinwand hinter der Bühne. Später werden es kitschig-verfremdete Landschaften wie aus Esoterikvideos sein, blubbernde Neonlava, dann wieder kühl anmutende Graphen. Auch im Bildlichen ist Beck der Direktor eines Zoos voller Stile.

Seinen halben Back-Katalog jagt er an diesem Abend durch den Schweinerock-Filter, geht sich selbst als Klassiker an, den es neu zu interpretieren gilt. Dadurch ist es, bei aller Power, über weite Strecken ein sehr einheitliches Konzert. Und gerade wenn bei „Paper Tiger“ die E-Gitarren anfangen, doch etwas ins Leere zu gniedeln, und man sich fragt: Genügt sich Beck in seinem perfekt gemachten Eklektizismus nicht doch zu sehr selbst? Dann holt die Band die Westerngitarren aus der Ecke und streut ein Akustikset ein mit ganz ungebrochenen Folk- und Countrynummern vom aktuellen Album „Morning Phase“.

Platz für Spontanes gibt es kaum

Das gehört auch zu Beck: alle paar Jahre ein ganz und gar unironisches Singer-Songwriter-Album aufzunehmen. Das darf dann hemmungslos nach Neil Young klingen, nach Gram Parsons oder nach Simon and Garfunkel. Ein bisschen viel Wohlklang vielleicht. Im Vergleich kommt dieser Teil des Konzert etwas einstudiert daher. Platz für Spontanes lässt der Chef seinen Musikern offenbar wenig. Ein Song muss gleich zweimal abgebrochen werden, weil sich Becks Gitarrensaiten durch die Hitze verzogen haben. Da ist ein Perfektionist am Werk, dem Musik vor Show geht. Und das Publikum lässt sich davon auch gar nicht aus der Unruhe bringen.

Denn nun ist der Knoten geplatzt. „Sexx Laws“ groovt auch ohne seinen eigentlich zwingend nötigen Bläsersatz verdammt hart. „E-Pro“ prügelt sich mit virtuosem Schlagzeug in die Ohren. Zur Zugabe „Where It's At“ kommt Beck in weißem Sacko und Stetson zurück. Er sei ein wenig verschwitzt. Ob man diese Verschwitzheit vielleicht teilen wolle? Das ebenfalls stark nach Körper duftende Publikum sagt nicht nein.

„Loser“ hat Beck schon früh gespielt an diesem Abend, als wolle er den frühen Hit hinter sich bringen. Arme flogen in die auch da schon stickige Hallenluft. Beck dirigierte das Mitsingen des Refains mit lasziven Rodeobewegungen: „I'm a loser baby, so why don't you kill me?“ Und alle wussten, dass sie keine Verlierer sind – solang sie nur gemeinsam mit Beck Hansen so tun dürfen, als ob.